Aktualisiert 26.08.2012 18:09

StaatsverschuldungGriechenland ist nicht Japan

Japan hat weit mehr Schulden als Griechenland, nämlich 200 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Doch die Insel in Fernost kommt problemlos damit zurecht. Athen schwitzt dagegen Blut.

von
Ferry Batzoglou, AP

Das magische Wort in der Griechenland-Krise heisst: Schuldentragbarkeit. Ob ein Staat seine Kredite dauerhaft bedienen kann, hängt nach Einschätzung von Experten nicht allein von der Höhe der Schulden ab. Ebenso massgeblich sind die Zinsen und das Wirtschaftswachstum.

So kommt Japan problemlos mit einem Schuldenstand von 200 Prozent der Wirtschaftsleistung zurecht. Der Grund: Die Zinsen liegen bei null, zugleich wächst Nippons Wirtschaft leicht. Darüberhinaus ist der Staat bei seinen eigenen Bürgern und nicht im Ausland verschuldet.

Entsprechen die Nominalzinsen dem Wirtschaftswachstum oder liegen darunter, ist theoretisch jeder Schuldenstand tragbar. Das ist in Griechenland seit Ausbruch der Schuldenkrise Ende 2009 ganz anders.

Spardiktat würgt Wachstum ab

Dort klafft die Differenz zwischen den Zinsen und dem Wachstum weit auseinander. Zwar hat sich Griechenland von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds (IWF) seit dem Frühjahr 2010 zu vergleichsweise günstigen Zinsen langfristige Kredite beschaffen können. Das von der Troika im Gegenzug verhängte Spardiktat würgt jedoch Griechenlands Wirtschaft ab.

Allein im laufenden Jahr wird die hellenische Wirtschaft nach den jüngsten Schätzungen um weitere rund sieben Prozent einbrechen. Nach fünf Rezessionsjahren in Folge ergibt sich daraus ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um mehr als 20 Prozent.

Zielverschuldung 120 Prozent

Schon Ende 2011 war allen Beteiligten klar: Griechenlands Staatsschulden in Höhe von damals 368 Mrd. Euro bei einer Wirtschaftsleistung von 215 Mrd. Euro sind nicht tragbar. Im Zuge des Schuldenschnitts fielen Griechenlands Verbindlichkeiten bis Ende März 2012 auf 280 Mrd. Euro - und damit gut 18 Mrd. Euro unter dem Stand von Ende 2009.

Das erklärte Ziel der Troika und Athens: Bis 2020 sollte der Schuldenstand Griechenlands auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken und damit wieder tragbar werden.

Doch bereits wenige Monate nach dem historischen Schuldenschnitt ist das Makulatur. Ende Juni 2012 war der griechische Schuldenberg wieder auf über 300 Mrd. Euro angewachsen. Und die Wirtschaft des Landes schrumpft und schrumpft. Im laufenden Jahr wird sich das Bruttosozialprodukt auf nur noch 200 Mrd. Euro belaufen.

Drei Modelle im Gespräch

Zwar bemüht sich die griechische Regierung um eine Streckung des mit der Troika vereinbarten Sparprogramms um zwei Jahre bis Ende 2016. Beobachtern zufolge reicht das aber nicht, um die Schuldentragbarkeit zu erreichen.

In Athen und Brüssel, bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt und beim IWF in Washington wird derzeit fieberhaft darüber nachgedacht, wie Griechenlands unaufhörlich wachsender Schuldenberg zügig abgetragen werden kann. Die Troika und Athen erwägen folgende drei Modelle. Sie könnten entweder separat oder kombiniert realisiert werden:

- Bankenrettung auf Spanisch: Die für die Rekapitalisierung der vier grössten griechischen Geschäftsbanken NBG, Alpha Bank, Eurobank und Piräus Bank notwendigen Gelder sollen direkt vom Euro- Rettungsschirm EFSF abgerufen werden - und damit nicht mehr als Staatsschulden berücksichtigt werden. Das hat Spanien auf dem jüngsten EU-Gipfel Ende Juni für sein darbendes Bankensystem bereits durchgesetzt.

Auch für Athens Fiskus wäre das ein Segen: Von den 31,5 Mrd. Euro der nächsten Troika-Kredittranche entfallen allein 25 Mrd. Euro auf die Rekapitalisierung von Griechenlands Geschäftsbanken.

- Privatisierungen mit Hellas-Bonds: Die Käufer von griechischem Staatsbesitz sollen mit griechischen Staatsanleihen statt mit Bargeld bezahlen. Das birgt grosse fiskalische Vorteile für Athen: Denn auf dem sekundären Obligationsmarkt ist der Marktkurs für Hellas-Bonds wegen des Ramsch-Status' auf bis zu 15 Prozent vom Nominalwert gefallen.

Erfolgt aber der Erwerb von griechischem Staatsbesitz mit billigen Hellas-Bonds, dann kann die griechische Privatisierungsbehörde TAIPED für die in ihrem Portfolio befindlichen Vermögenswerte höhere Preise verlangen. Denn nach dem Ende der Laufzeit der Hellas-Obligationen wird der Nominalwert plus Zinsen ausbezahlt.

Zweitens klettern durch die steigende Nachfrage die Marktkurse für Hellas-Bonds. Das ist wiederum gut für die griechischen Geschäftsbanken. Sie haben bei der EZB als Pfand zur Gewährleistung ihrer Liquidität Hellas-Bonds hinterlegt. Der dritte Vorteil: Erhält Athen weitere Hellas-Obligationen, können umgekehrt auch mehr Staatsschulden gestrichen werden.

- Zweiter Schuldenschnitt: Diesmal müssten Griechenlands öffentliche Geldgeber bluten - und nicht mehr nur private Gläubiger wie beim ersten Schuldenschnitt. Denn von den Staatsschulden in Höhe von aktuell 303,52 Mrd. Euro entfallen bereits 148,82 Mrd. Euro auf Kredite aus dem Europäischen Rettungsmechanismus.

Einen zweiten Schuldenschnitt strebt offenbar der IWF an. Andernfalls ist aus Sicht des IWF im Fall Griechenland eine Schuldentragbarkeit mittelfristig nicht mehr zu gewährleisten. Ohne diese Perspektive darf der IWF aber keine weiteren Kredite an Griechenland zahlen. Ein zweiter Schuldenschnitt ist eine politisch äusserst heikle Sache. Ob Brüssel und insbesondere Berlin dafür grünes Licht geben würden, ist fraglich.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.