Aktualisiert 27.09.2011 07:14

Treuhandmodell für Athen

Griechenland soll sich verkaufen

Neuer Ausweg aus der griechischen Tragödie: Athen könnte sein Staatsvermögen in eine Holding auslagern und der EU verkaufen. Das wäre günstiger als immer neue Finanzspritzen.

von
Sandro Spaeth
Ihre Tempel müssen die Griechen nicht verkaufen, dafür Autobahnen, Flughäfen und Häfen.

Ihre Tempel müssen die Griechen nicht verkaufen, dafür Autobahnen, Flughäfen und Häfen.

Experten streiten sich über die Lösung von Athens Schuldenproblem: Liegt das Heil der Hellenen im Austritt aus der Eurozone? Liegt es in einer geordneten Pleite mit Schuldenschnitt oder soll die Eurozone den Griechen mit Eurobonds aus der Patsche helfen? Zwei Ökonomen, drei Meinungen, besagt ein Sprichwort.

Nun kommt ein weiterer Plan hinzu, «Project Eureca – a solution for Greece and Europe», ausgeheckt von den Strategieberatern von Roland Berger aus München. Dabei haben die Sanierer eigentlich das gemacht, was sie bei normalen Sanierungen ebenfalls machen würden. Nach nicht betriebsnotwendigen oder schlecht genutzten Vermögensbestandteilen suchen und diese verscherbeln.

Fündig wurde Roland Berger in griechischen Autobahnen, Häfen, Flughäfen und Immobilien. Der Vorschlag: Die Hellenen sollen Staatsvermögen im Wert von 125 Milliarden Euro in eine Treuhandgesellschaft auslagern und diese einer europäischen Institution verkaufen. Mit dem Erlös würde die Staatsschuld Griechenlands von aktuell rund 145 Prozent (350 Milliarden Euro) der Wirtschaftsleistung auf 88 Prozent reduziert.

Schulden halbiert – ohne Risiko

Athens Belastung wäre dank des Eureca-Plans innert Kürze fast halbiert – und dies ohne einen risikoreichen Schuldenschnitt, welcher die Stabilität des gesamten europäischen Bankensystems gefährden könnte. Auf die neuen europäischen Besitzer kämen neben den 125 Milliarden Euro Kaufpreis noch weitere 20 Milliarden hinzu, um das hellenische Staatsvermögen zu sanieren. Bei einer späteren Privatisierung und einem Verkauf innert der nächsten 15 Jahren könnten dadurch aber Erlöse von geschätzten 180 Milliarden erzielt werden.

«Die Griechen würden der Schuldenfallen entkommen und der europäische Steuerzahler könnte sein beträchtliches Kreditrisiko gegen ein wesentlich geringeres Vermögensrisiko eintauschen», erklärt Markus Krall von Roland Berger Strategy im Interview mit der deutschen «Wirtschaftswoche» den Sanierungsplan. Verlieren würden hingegen diejenigen, die gegen Griechenland und den Euro spekuliert hätten, also Hedgefonds, die Leerverkäufe auf Athens Anleihen getätigt oder mit CDS (Kreditausfallrisikoversicherungen) auf die Pleite Griechenlands gewettet hatten.

Politisch undenkbar

Griechenlands Vermögenswerte in eine Treuhandgesellschaft auszulagern hält Anastassios Frangulidis, Chefökonom bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) insbesondere aus Sicht der Helferländer für einen interessanten Vorschlag. «Die Sache in Griechenland politisch umzusetzen ist äusserst heikel und unter der heutigen schwachen Regierung unmöglich.»

Doch auch wenn die griechische Bevölkerung dem Verkauf ihres Staatseigentums zustimmen würden, ist dies laut Frangulidis noch keine nachhaltige Lösung. Man hätte zwar vorläufig den Zahlungsausfall vermieden, das alleine genüge aber nicht. «Die griechische Wirtschaft braucht endlich wieder Wachstum. Dafür muss sie endlich wettbewerbsfähiger und der Staatsapparat effizienter werden», erklärt der ZKB-Ökonom.

Erinnerungen an die DDR

Um die Griechen vom Projekt-Eureca zu überzeugen, haben die Berater von Roland Berger auch mehrere Zückerchen parat. Einerseits gehen sie davon aus, dass die Privatisierungswelle zu einem Wachstumsschub führt und das griechische BIP statt jährlich zu schrumpfen wieder bis zu fünf Prozent zulegt. Andererseits soll die EU-Institution die 180 Milliarden Euro übersteigenden Erlöse aus den Privatisierungen an Griechenland abliefern.

Dass Privatisierungswellen nicht immer von Erfolg gekrönt sind, zeigt das Beispiel DDR. Nach dem Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 wurden per 1. Juli 1990 rund 8500 Betriebe der «Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums» unterstellt. Sie hätten die Werkstätten sanieren und verkaufen sollen. Doch statt der geplanten Einnahmen von 600 Milliarden D-Mark schloss die Anstalt Jahre später mit einem Defizit von rund 250 Milliarden D-Mark ab. Der Grund waren technisch veraltete Produktionsanlagen, die vor einem Verkauf für viel Geld hatten saniert werden müssen. Bleibt zu hoffen, dass sich Griechenlands Volksvermögen in einem besseren Zustand befindet.

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