Aktualisiert 26.07.2011 08:42

Zur Hölle Hellas?

«Griechenland wird es nicht schaffen»

Weil der Schuldenberg der Hellenen die gesamte Eurozone in den Abwärtsstrudel zieht, spekulieren Ökonomen schon über einen Ausstieg aus der Eurozone.

von
Sandro Spaeth

Die griechische Tragödie erhält Aufschub: In Athen treffen heute EU-Hilfsgelder im Umgang von 14,5 Milliarden Euro ein. Lange bleibt der Zahltag aber nicht auf den Regierungskonten, denn bereits morgen wird eine Staatsanleihe von 8,5 Milliarden Euro zur Rückzahlung fällig. Das Dilemma der Griechen bleibt also: Der Schuldenberg ist mit rund 300 Milliarden Euro (115% des BIP per Ende 2009) erdrückend und die Märkte bezweifeln, dass Athen die Kredite je einmal wird zurückbezahlen können.

Dieser Meinung ist auch der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann, dessen neustes Buch «Staatsbankrott» morgen in den Handel kommt. «Griechenland wird es nicht schaffen», so Wittmann zu 20 Minuten Online. Der Buchautor und emeritierte Wirtschaftprofessor glaubt nicht daran, dass die Griechen ihren Staatshaushalt mit noch mehr Krediten – wie sie sie im Moment von IWF und aus Brüssel erhalten – plötzlich in den Griff bekommen sollten. Die griechische Wirtschaft sei einfach zu wenig wettbewerbsfähig.

Geschichte spricht gegen Griechenland

An ein Scheitern der Hellenen glaubt auch Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Uni Zürich. «Mittelfristig sind die Überlebenschancen gering. Das Problem ist, dass Griechenland wegen des Euro keine eigene Währung abwerten und damit seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann», so Straumann. Zwar haben die Griechen nun gelobt, hart zu sparen, doch das ist kein Patentrezept: Wegen der Sparpolitik wird die Wirtschaftkrise noch verschärft, was dem Staat Steuerausfälle beschert und wegen Arbeitslosigkeit die Ausgaben erhöht. Auch die Geschichte spricht gegen Griechenland. Laut Straumann hat es bisher nie ein Schwellenland gegeben, das in einer solchen Situation ohne Schuldenreduktion über die Runden kam.

Nun schlagen Ökonomen – beispielsweise auch der Schweizer Wirtschaftsprofessor Franz Jäger – vor, Griechenland solle den Euro-Raum verlassen und wieder zur Drachme zurückkehren. «Ein Ausstieg ist grundsätzlich möglich und wäre gut für den Euroraum», sagt Wittmannn. Er gibt aber zu bedenken, dass die Schuldenlast der Griechen damit noch grösser würde. Die Griechen haben sich vorab in Deutschland und Frankreich in Euro verschuldet und müssten die Kredite mit schwacher Drachme zurückzahlen.

Gefährliche Kettenreaktion

«Theoretisch wäre ein Ausstieg aus dem Euro die beste Lösung», so Straumann, nur sei sie nicht praktikabel. Grund: Ein Austritt könnte eine europäische oder sogar globale Finanzkrise auslösen. Das wirklich Gefährliche an einer möglichen Rückkehr zur Drachme ist die folgende Kettenreaktion. Erhält die Bevölkerung Wind davon, dass die Regierung die Guthaben der Sparer eigenmächtig in Drachmen umzuwandeln plant, dürfte es zu einer Panik kommen. Die Leute würden die Banken stürmen und ihre Gelder abheben – die aber nicht alle physisch vorhanden sind. Das System würde so zusammenbrechen. «Es käme zu einem Argentinien-Szenario», so Straumann. Die Regierung müsste die Banken sofort schliessen und die Kapitalausfuhr unterbinden.

Buchautor Wittmanns Fazit für den hellenischen Ausstieg aus der Eurozone ist vernichtend: «Eine Rückkehr zur Drachme wäre Selbstmord.» Für den Wirtschaftshistoriker Straumann ist dieses Szenario aber gleichwohl denkbar: «Möglicherweise wird der Gang der Ereignisse einen Austritt der Griechen erzwingen. Nicht morgen oder übermorgen, aber vielleicht nächstes Jahr.» Die griechische Tragödie dürfte dann einen neuen Höhepunkt erreichen.

Griechenland hat Anleihe zurückgezahlt

Griechenland hat offenbar am Mittwoch eine milliardenschwere Anleihe zurückgezahlt. Das Papier mit einem Gesamtvolumen von 8,5 Mrd. Euro sei vollständig beglichen, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Die Angst, die am Mittwoch auslaufende Anleihe nicht begleichen zu können, hatte das Hilfspaket von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds im Gesamtvolumen von 110 Mrd. Euro ausgelöst. (SDA)

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