Aktualisiert 24.06.2004 15:06

Griechenlands heimlicher Held

Antonis Nikopolidis ist neben Trainer-«König» Otto Rehhagel Griechenlands zweiter EM-Held. Der 32-jährige Torhüter ebnete mit seinen Paraden in der Vorrunde den Weg in die Viertelfinals.

Der 32-jährige Torhüter ebnete mit seinen Paraden in der Vorrunde den Weg in die Viertelfinals. Dabei hatte Nikopolidis in diesem Frühjahr bei Panathinaikos Athen wegen einer internen Sperre kaum gespielt.

Die Frauen verehren ihn als hellenische «George-Clooney»-Kopie. Die Männer lieben ihn als besten Goalie Griechenlands. Nikopolidis hat sie alle nicht enttäuscht in diesen lusitanischen Tagen. Sein kräftiges Auftreten und die gepflegten graumelierten Haare lassen weibliche Herzen hören schlagen. Und seine Paraden in den Partien gegen Spanien (1:1) und Russland (1:2) sicherten den Griechen den erstmaligen Vorstoss unter die besten acht der EM. Vor allem gegen die klar überlegenen Iberer verdiente sich der Goalie mit einer Reihe herausragender Reflexe den Punktgewinn fast im Alleingang. Aber auch gegen Russland verhinderte Nikopolidis in der Schlussphase zweimal den dritten Gegentreffer, der das Aus bedeutet hätte.

Erst Schwachpunkt, dann Held

So wurde einer zum (heimlichen) Helden, der vor dem Turnier als grosser Schwachpunkt in Rehhagels Ensemble galt. Zwar hatte Nikopolidis schon in der Qualifikation kaum Gegentore kassiert und war sechsmal in Folge nicht bezwungen worden, doch ausgerechnet das Jahr 2004 war für ihn bisher ein einziger Kriechgang gewesen.

Als er im Januar bei Panathinaikos um einen besseren Vertrag bat und kurz darauf auch noch mit dem Wechsel zu Erzrivale Olympiakos Piräus liebäugelte, der sich Ende Mai realisierte, wurde er vom beleidigten Umfeld in Athen augenblicklich zur Nummer 2 degradiert. Vor der EURO bestritt Nikopolidis daher lediglich einen Ernstkampf- im März in einem Cupspiel. Eine harte Situation für den Routinier, der in der Saison zuvor in 30 Meisterschaftsspielen nur 19 Gegentore kassiert und damit einen griechischen Rekord aufgestellt hatte. Die Reservisten-Rolle im Verein gefährdete sogar seine Teilnahme in Portugal, denn mit Kostas Chalkias stand nun ausgerechnet die Nummer zwei des Nationalteams im Panathinaikos- Tor.

Doch Rehhagel liess seinen Stammtorhüter nicht fallen. Im griechischen Kader figurieren einige weniger erfahrene Spieler, die 1998 die Endrunde der U21-EM erreicht hatten. Der 32-jährige Nikopolidis ist daher Ottos verlängerter Arm auf dem Platz. Griechische Medien hatten Rehhagels Treue zum Torhüter zunächst nicht nachvollziehen können. «In den Testspielen hat Nikopolidis schlecht ausgesehen. Man merkte, dass er keine Spielpraxis hatte. Die Strafraumbeherrschung war ungenügend», sagte der Experte von der Sportzeitung «Spor tou vorra».

Abgang nach 15 Jahren

Nun hat Nikopolidis das Vertrauen des Trainers aber gerechtfertigt und die Kritiker verstummen lassen. Dass seine Zukunft jetzt geregelt ist, verhalf ihm offenbar wieder zur alten Form. Nach 15 Jahren wird er Panathinaikos Athen verlassen und zum Erzrivalen Olympiakos in die Hafenstadt wechseln. «Es war mir wichtig, die Zukunft vor der EM zu regeln. Ich freue mich auf eine neue Herausforderung bei einem anderen Grossklub.» Dass die heissblütigen Supporter von Panathinaikos für den «Frontenwechsel» viel Verständnis zeigen, beweist, wie viel Respekt sie Nikopolidis entgegenbringen. Dabei hat es in den letzten zehn Jahren keine Transfers mehr zwischen den beiden verfeindeten Vereinen gegeben.

Vielmehr muss Nikopolidis' alter Arbeitgeber mit dem Zorn der Fans leben. Trotz des ersten Meistertitels seit 1996 werden die finanziell offenbar angeschlagenen «Grünen» hart kritisiert. In Leserbriefen in den Zeitungen und in E-Mails wird der Verein, der durch die regelmässige Teilnahme an der Champions League eigentlich ein Krösus des hellenischen Fussballs ist, der schlechten Zahlungsmoral bezichtigt. Die Hoffnung der Fans ruht nun auf dem Präsidenten der Basketball-Sektion, der offenbar am Einstieg bei den Fussballern interessiert ist. Er werde dann wieder grosse Namen zu Panathinaikos holen, liess er verlauten. Nikopolidis wird er wohl nicht zurück in die Hauptstadt lotsen können. Das Tischtuch zwischen dem griechischen Champion und dem heimlichen hellenischen EM-Helden ist zerschnitten.

(si)

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