Katastrophenszenarien: Grössere AKW-Übungen in der Schweiz
Aktualisiert

KatastrophenszenarienGrössere AKW-Übungen in der Schweiz

Alle zwei Jahre üben Bund und Kantone Störfälle in AKWs. Neu sollen diese Szenarien ausgebaut und mit Naturereignissen und Evakuationen verbunden werden.

von
Joel Bedetti
Künftig auch Figuranten denkbar: Übung zur Euro 2008.

Künftig auch Figuranten denkbar: Übung zur Euro 2008.

Im November wird im AKW Beznau die zweijährliche Gesamtnotfallübung (GNU) für Kernkraftwerke stattfinden. Das Szenario: Ein schwerer Störfall, Radioaktivität tritt aus. Krisenstäbe von Bund und Kantonen werden in Echtzeit konferieren und einander informieren, fiktive Journalistenpulks werden vor dem AKW auftauchen und rund 200 freiwillige Figuranten an einer Kontaktstelle verstrahlte Zivilisten spielen.

Die Vorfälle in Japan würden das Manöver nicht in grossem Masse beeinflussen, sagt Übungsleiter Daniel Storch vom nationalen ABC-Schutz, der die Manöver zusammen mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz organisiert. «Wir werden zum Beispiel keine Überschwemmung ins Szenario integrieren.» Die Übung im November wird aber trotzdem mit Neuigkeiten aufwarten: Erstmals werden Evakuationspläne durchgespielt. Zudem nimmt neben dem Bund nicht nur der AKW-Standortkanton Aargau Teil, sondern auch die beiden Basel sowie das Bundesland Baden-Württemberg.

Erdbeben-AKW-Szenario

Künftig sollen die AKW-Szenarien noch umfangreicher und weitreichender ausgemalt werden. Deshalb hat der Bund

auf dieses Jahr den Bundesstab ABCN ins Leben gerufen, welcher bei Ereignissen von atomaren, biologischen, chemischen und Naturkatastrophen zum Einsatz kommt. Er besteht aus 19 hochrangigen Beamten, darunter den Vorstehern der betroffenen Bundesämter, Kader von Polizei und Armee sowie verschiedene Umweltspezialisten.

«Wurde bei früheren Übungen der Fokus auf die ersten Stunden eines Störfalls gelegt, wollen wir neu die langfristigen Folgen von Katastrophen durchspielen», sagt der Chef des Stabs, Alain Vuitel. Man wolle das Augenmerk auf Verkehrschaos, Lebensmittelversorgung, Spitäler und andere Spätfolgen von Katastrophen legen. «Für die nächste Übung 2013 überlegen wir uns deshalb, ein kombiniertes Erdbeben-AKW-Szenario zu machen», sagt Vuitel. Neu würden die Manöver auch mehrere Tage dauern.

Freiwillige Figuranten

Auch über einen Ausbau bei den Fusstruppen im Manöver wird dieser Tage laut nachgedacht. «Man könnte in Zukunft mit der Feuerwehr oder anderen Organisationen üben», so Vuitel. Und gestern spielte Martin Haller, der als stellvertretender Ausbildungsschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz für die letzte AKW-Übung 2009 in Mühleberg verantwortlich war, im «Landboten» mit dem Gedanken, vermehrt freiwillige Figuranten einzusetzen, um die Bevölkerung stärker in die AKW-Übungen miteinzubeziehen. «Man müsste sich das in Zukunft also sicher mal ernsthaft überlegen», sagt er.

Wirklich grosse Manöver, präzisiert Haller gegenüber 20 Minuten Online, seien aber unrealistisch. «Den GAU nachzuspielen würde heissen: Das Schweizer Mittelland ist verstrahlt und Grossstädte müssten evakuiert werden. Das ist schlichtweg kaum möglich.»

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