30'000 Unbekannte, 50 Kinder: Grösster Missbrauchsfall Deutschlands – Spur auch in die Schweiz?

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30'000 Unbekannte, 50 KinderGrösster Missbrauchsfall Deutschlands – Spur auch in die Schweiz?

30’000 unbekannte Tatverdächtige, 50 befreite Kinder. In Köln setzt sich der Prozess im sogenannten Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach fort. Der Oberstaatsanwalt geht davon aus, dass Täter auch in der Schweiz sitzen.

von
Ann Guenter
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Hielt lange die gutbürgerliche Fassade aufrecht, während er seine Tochter ab dem Alter von drei Monaten missbrauchte: Der Hauptangeklagte Jörg L.

Hielt lange die gutbürgerliche Fassade aufrecht, während er seine Tochter ab dem Alter von drei Monaten missbrauchte: Der Hauptangeklagte Jörg L.

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Eine Mappe mit aufgeklebten Fotos von Filmszenen aus dem Film «Der Strafverteidiger». In dem Film von 1970 soll ein Mann seine Ehefrau ermordet haben. Trotz erdrückender Indizien erreicht sein Verteidiger einen Freispruch. Im wahren Leben aber …

Eine Mappe mit aufgeklebten Fotos von Filmszenen aus dem Film «Der Strafverteidiger». In dem Film von 1970 soll ein Mann seine Ehefrau ermordet haben. Trotz erdrückender Indizien erreicht sein Verteidiger einen Freispruch. Im wahren Leben aber …

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… drohen dem 43-Jährigen bei einer Verurteilung 15 Jahre Haft und eine lebenslange Sicherheitsverwahrung.

… drohen dem 43-Jährigen bei einer Verurteilung 15 Jahre Haft und eine lebenslange Sicherheitsverwahrung.

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Darum gehts

  • Jörg L. ist der Hauptbeschuldigte im sogenannten Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach.
  • Er ist wegen 79 Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch angeklagt. Hauptopfer ist die eigene Tochter.
  • Im Zuge der Ermittlungen sind 30’000 Tatverdächtige aufgedeckt worden. 50 Kinder wurden befreit.
  • Spuren dürften auch in die Schweiz führen, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer zu 20 Minuten.

Heute Mittwoch ist der zweite Verhandlungstag in einem der bislang grössten bekannten Missbrauchsfälle Deutschlands. Der Hauptbeschuldigte Jörg L. (43) steht wegen 79 Fällen von zum Teil schwerem sexuellem Missbrauch an Kindern vor dem Kölner Landgericht. Das Hauptopfer ist die Tochter von L. Drei Monate alt war sie laut Anklage, als ihr Vater sie das erste Mal missbrauchte und dabei filmte.

Dabei hatte L. die bürgerliche Fassade gegen aussen lange aufrechterhalten können. Gepflegtes Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach, Garten und Garage. Niemand ahnte, dass L. sich seit 20 Jahren an Kindermissbrauchsvideos aufgeilte und sich an seiner Tochter verging, bis diese zwei Jahre alt war – in den Ferien, am Wickeltisch, im Planschbecken, wie es in der Anklageschrift heisst. L. kam zugute, dass die ahnungslose Mutter am Morgen bei der Arbeit war, wenn er von seiner Arbeit als Pförtner von der Nachtschicht heimkehrte. In diesen Stunden war er mit seinem wehrlosen Opfer allein. Als seine Tochter ihre ersten Worte habe sprechen können, schreibt «Die Zeit», habe sie nach der Mutter gerufen. «Mama! Nein! Aua!», sei in einem Video vom Juli 2019 zu hören.

Rund 50 befreite Kinder, 30’000 unbekannte Täter

Der Anklageschrift ist zu entnehmen, dass L. seine Tochter auch in den gemeinsamen Ferien mit der ahnungslosen Ehefrau vergewaltigte. So fanden Ermittler auf dem Handy von L. 23 Fotos, die ihn zeigen, wie er seinen erigierten Penis in den Mund des schlafendes Babys steckte. Das war um 15:42 Uhr. Um 15:43 Uhr hatte er die ersten Fotos bereits an Gleichgesinnte verschickt. In Chats bot er das Kleinkind auch anderen Männern an. Im Gegenzug traf er die Kinder anderer.

Die Polizei befreite das Kind letzten Herbst aus den Händen seines Peinigers. Sie hatte zuvor einen Tipp von kanadischen Ermittlern erhalten. Was die Beamten bei Jörg L. fanden – tonnenweise Material von schwerstem sexuellem Missbrauch an Kindern –, löste eine ganze Ermittlungslawine aus. In deren Zug wurde ein pädokriminelles Netzwerk mit über 30’000 unbekannten Tatverdächtigen aufgedeckt. Dass darunter auch Schweizer sind, hält der zuständige Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer «für wahrscheinlich», wie er zu 20 Minuten sagt.

Bislang konnten die Ermittler rund 50 Kinder identifizieren und aus den Fängen der Täter befreien. Die Opfer sind zwischen 3 Monate und 14 Jahre alt.

Keine drei Prozent der Täter werden gefasst

In Zusammenhang mit dem gigantischen Missbrauchsnetzwerk Bergisch Gladbach heisst es von der Kölner Staatsanwaltschaft, man werde wohl keine drei Prozent der Täter dingfest machen können. Wie kann das sein? «Diese Zahl wurde genannt, um die Erwartungen nicht ins Unermessliche steigen zu lassen. Wir haben ja ungefähr 30’000 unbekannte Tatverdächtige aus diesem Komplex, die ermittelt werden müssen», erklärt Oberstaatsanwalt Bremer.

«Das sind alles Personen, die ihre Identität mit Nicknames mehr oder weniger intelligent verschleiert haben. So ist es auch klar, das wir da keinen hundertprozentigen Erfolg erzielen können, insbesondere auch dann, wenn man berücksichtigt, dass es mutmasslich auch Täter aus dem Ausland gibt, wo wir auf Rechtshilfe angewiesen sind, um Identitäten ermitteln zu können.»

Grundsätzlich hat das Internet den Austausch zwischen Pädokriminellen viel einfacher gemacht, indem diese sich in Chatgruppen organisieren – den Zugang dorthin zu finden, scheint relativ leicht zu sein. «Früher musste man sich konspirativ irgendwo treffen, heute macht man das anonym im Netz. Das hat zu einer rasanten Verbreitung geführt», so Bremer. «Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass sich diese Leute in den Foren auch sehr unbefangen verhalten, erschreckend wenig konspirativ vorgehen und dann offenbar auch ständig darüber sprechen, sodass sie eben ihre sexuelle Präferenz als normal empfinden.»

Gegenseitige Bestätigung in «Pädokriminellen-Bubbles»

Heisst das auch, dass die Täter durch das Ausleben ihrer Neigungen in diesen virtuellen «Pädokriminellen-Bubbles» zunehmend unvorsichtig werden, dass sie angesichts der vielen Gleichgesinnten und der eigenen Anonymität das Gefühl kriegen, unantastbar zu sein? «Ja. Im Gegensatz zu Straftaten, wo konspirativ über Drogen oder Menschenhandel und so weiter gesprochen wird, haben wir es beim Kindesmissbrauch mit einer Klientel zu tun, die erschreckend offen über das spricht, was man so vorhat, was interessiert», sagt der Oberstaatsanwalt. «Es findet eine gegenseitige Bestärkung statt, dass das unter den Personen ein akzeptables Verhalten ist. Das ist für uns in der Erkenntnis eine neue Dimension.»

Insgesamt scheint der Druck auf diese Leute nicht gerade hoch zu sein, vielmehr wirken die Chats wie ein Refugium für Pädokriminelle und Kindesmissbraucher. Was brauchte es, um den Druck auf sie zu erhöhen? «Es braucht technische Voraussetzungen, Personal und natürlich die Motivation, das über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Damit haben wir in Nordrhein-Westfalen jetzt angefangen», sagt Bremer. «Das Verfahren, in dem wir jetzt hier ermitteln, kann einen grossen Beitrag dazu leisten, dass Leute, die sich in diesem Chats bewegen, jetzt merken, dass wir hinter ihnen her sind und ihr Tun Folgen hat.»

L. droht unbegrenzte Sicherheitsverwahrung

Jörg L. droht bei einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von maximal 15 Jahren. Es droht ihm aber auch die Sicherheitsverwahrung. Diese Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus wird angeordnet, wenn L. für die Öffentlichkeit eine Gefahr darstellte und sein Verhalten Krankheitswerte hat, er also vermindert schuldfähig wäre. Diese Unterbringung wäre im Gegensatz zu einer Freiheitsstrafe, die irgendwann endet, unbegrenzt. «Wenn man irgendwann therapiert ist und keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt, kann die Sicherheitsverwahrung auch enden, grundsätzlich ist sie aber unbefristet», so Bremer.

Lassen sich diese Leute denn therapieren? «Das bleibt abzuwarten. Wir haben noch keine empirischen Daten, die wir mitteilen könnten», sagt der Kölner Oberstaatsanwalt.

«Keine Beschuldigten aus der Schweiz – bislang»

Gibt es in diesem gewaltigen Missbrauchsfall auch Spuren in die Schweiz beziehungsweise Schweizer Tatverdächtige?«Nicht was die Verfolgung eines Beschuldigten betrifft», so Bremer. Es habe ein Rechtshilfeersuchen in die Schweiz gegeben mit der Bitte um Herausgabe von Daten. «Aber in der Ermittlungsgruppe ‹Berg› werden keine Beschuldigten aus der Schweiz geführt – bislang.»

Bislang? Bremer: «Es sind ja 3 Terabyte an Daten sichergestellt worden. Dass da Spuren auch ins Ausland führen, halte ich eher für wahrscheinlich.»

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