Corona-Demo - «Grosse Demonstrationen liegen nicht in der DNA der Urner»
Publiziert

Corona-Demo«Grosse Demonstrationen liegen nicht in der DNA der Urner»

Ihre Demonstration wurde nicht bewilligt, trotzdem liess man rund 500 Massnahmen-Gegner gewähren: Weshalb die Kantonspolizei nicht härter durchgriff – und wie sich die Proteste weiterentwickelten.

von
Céline Krapf
Daniela Gigor
Bettina Zanni

So lief die unbewilligte Demo in Altdorf ab.

20 Minuten

Darum gehts

  • Die epidemiologische Lage in Uri ist besorgniserregend – trotzdem versammelten sich rund 500 Massnahmen-Gegner, die meisten ohne Maske.

  • Die Polizei nahm bei der unbewilligten Corona-Demo in Altdorf UR keine Verhaftungen vor.

  • Auf Social Media wird das Verhalten der Polizei stark kritisiert: Man hätte gegen die Demonstranten strikter vorgehen sollen.

Mehrere hundert Demonstrierende zogen am Samstag durch Altdorf UR. Sie verfügten weder über eine Bewilligung, noch hielten sie sich an die Schutzmassnahmen. Über Stunden toleriert die Polizei den Protest –obwohl dieser bereits Ende März verboten wurde, eine Beschwerde abgelehnt und mehrfach ermahnt wurde, nicht zur Demo aufzukreuzen. «Wir werden eine unbewilligte Demonstration unterbinden», warnte die Polizei im Vorfeld. Zudem gilt Uri als Corona-Hotspot – eine Verschärfung der Massnahmen soll am Montag kommuniziert werden.

So sorgt das Verhalten der Polizei am Samstag für Irritation: «Bei den Krawallen in St. Gallen griff die Polizei hart durch, die Corona-Demonstranten liess sie hingegen gewähren», sagt Tobias Vögeli, Präsident der Jungen GLP. Er bezeichnet das Verhalten als ungerecht. Die Polizei habe den Jugendlichen gegenüber wohl ein Zeichen setzen wollen. «Jetzt haben einige erst recht das Gefühl, nicht gehört zu werden.»

Ähnlich klingt es auf Social Media: «Eine Verhöhnung schon wieder für alle, die sich an die Massnahmen halten», heisst es auf Twitter. Wären es Klimaaktivisten oder Frauenrechtlerinnen hätte die Polizei härter durchgegriffen, werfen mehrere User den Behörden vor. «Zum Fremdschämen», sei die Passivität der Polizei. Sie schaue bloss tatenlos zu und mache sich damit zu Mittätern. Derweil schreiben andere, wie «bombastisch» Altdorf gewesen sei. Die Demo habe bewiesen, dass es keine Bewilligung brauche für eine Kundgebung.

Investigativ-Journalist: Radikalisierung erfolgt analog zu Deutschland

Das Verhalten der Polizei sei besorgniserregend, sagt ein Journalist des Recherchekollektivs «element investigate». Er beobachte die schweizweiten Proteste der Massnahmen-Gegner seit ihren Anfängen und er oder andere Teammitglieder seien regelmässig vor Ort. Deren Entwicklung zeige sich in Deutschland: «Die Radikalisierung läuft genau gleich ab – nur etwas zeitverzögert und im kleineren Rahmen», sagt er: «Es breiten sich genau die gleichen Verschwörungstheorien, Feindbilder und Handlungsmuster aus.» Wie im Nachbarland würden Demos nun trotz Verbot stattfinden, beispielsweise als Spaziergang. Wie in Altdorf sei die Polizei überfordert, sobald sich ein stationäres Geschehen in Bewegung setze. Zudem fänden die Proteste gezielt an Orten statt, an denen das Polizeikorps eher klein und schnell am Anschlag sei. Und ähnlich wie in Deutschland nehme die Gewalt gegen Medienvertreter stetig zu. Das Problem, diese Proteste einzudämmen, liege aber nicht nur bei der Polizei: «Die Politik kapituliert vor den Demonstrierenden», sagt der Investigativ-Journalist. «Die Teilnehmer werden noch immer als normale, besorgte Durchschnittsbürger wahrgenommen.» Und dies, obwohl sie gegen das Gesetz verstiessen. Bei Personen aus anderen Gesellschaftsschichten, wie Hooligans, gehe man in der gleichen Situation viel rigoroser vor.

«Die Bilanz ist durchzogen, uns gelang es leider nicht, die Menschenansammlung vor dem Telldenkmal zu verhindern», sagt Gusti Planzer, Sprecher der Kantonspolizei Uri auf Anfrage von 20 Minuten. Trotzdem lässt er nicht gelten, dass die Polizei versagt hätte. «Grosse Demonstrationen liegen nicht gerade in der DNA der Urner.» Aus Verhältnismässigkeitsgründen habe die Polizei diese Ansammlung geduldet, gab diese in einer Mitteilung bekannt. Aufgrund von Beobachtungen im Vorfeld der Demo hätte sich die Anzahl der Teilnehmer an der «oberen Grenze» bewegt, sagt Planzer am Sonntag. Er will nicht bekannt geben, mit wie vielen Teilnehmern die Polizei demnach gerechnet hatte. Verstärkung hatte die Urner Polizei von den umliegenden Korps des Zentralschweizer Konkordats. Über die Anzahl der Polizisten vor Ort schweigt sich Planzer aus taktischen Gründen aus.

«Positiv zu werten ist, dass das Sicherheitsdispositiv besonders am Vormittag funktionierte», so Planzer weiter. Der Polizei sei es gelungen, dass die Situation nicht eskalierte und es nicht zu schwereren Verletzungen kam, obwohl die Atmosphäre kurzzeitig knisterte und bei einigen Personen die Stimmung aggressiv gewesen sei. Nach einer gewissen Zeit seien die Demonstranten wegen der Polizeipräsenz abgezogen. Bei der Auswertung der Daten werde sich nun zeigen, ob und wer das geltende Recht verletzt hatte und darum mit Anzeigen rechnen müsse. «Der Bauer, der den Demonstranten Gastrecht gewährte, muss auf jeden Fall mit einer Strafanzeige rechnen», sagt Planzer. Rund 180 Personen wurden Wegweisungen und Fernhaltemassnahmen eröffnet, es kam zu zwei Verzeigungen aber keinen Festnahmen.

1 / 23
10. April
10. April

Bei Altdorf UR versammelten sich Corona-Skeptiker auf einem Bauernhof.

20 Minuten
10. April
10. April

Bei Altdorf UR versammelten sich Corona-Skeptiker auf einem Bauernhof.

20 Minuten
10. April
10. April

Bei Altdorf UR versammelten sich Corona-Skeptiker auf einem Bauernhof.

20 Minuten

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung