Aktualisiert 10.10.2005 15:13

Grosse Koalition: Merkel muss Kröten schlucken

Drei Wochen nach dem Fast-Patt bei der deutschen Bundestagswahl können sich CDU/CSU und SPD doch noch beide als Sieger fühlen: Die Union als stärkste Fraktion bekommt das Kanzleramt, die SPD erhält dafür mehr Minister in der geplanten grossen Koalition.

Hinter den künftigen Regierungspartnern liegen harte Wochen. Im Wahlkampf hatten sie sich erbittert bekämpft. Die Union nannte die SPD einen Bremsklotz für die wirtschaftliche Gesundung des Landes. Die SPD warf der Union eine Politik der sozialen Kälte vor.

Die Bundestagswahl am 18. September brachte für beide Seiten Enttäuschung: Rot-Grün wurde trotz furioser Aufholjagd abgewählt, doch auch CDU/CSU und FDP erzielten keine eigene Mehrheit. Allen Umfragen zum Trotz lautete das Ergebnis: Keine Macht für Niemand.

Steiniger Weg

Zunächst versuchten Union und SPD, die eigene Vorherrschaft doch noch durchzusetzen. Die CDU/CSU probierte, die Grünen als dritten Partner in eine bürgerliche Koalition zu locken - vergeblich. Die SPD blitzte bei der FDP ab, als sie diese an Rot-Grün binden wollte.

Als Ausweg zu einer Regierungsmehrheit blieb damit nur, was die beiden Volksparteien zuvor vehement abgelehnt hatten: eine grosse Koalition. Doch der Weg zu ernsthaften Gesprächen war steinig.

Einer der Gründe hiess Gerhard Schröder. Noch am Wahlabend hatte der Kanzler der erstaunten Nation im Fernsehen verkündet: «Niemand ausser mir ist in der Lage, eine stabile Regierung zu bilden.» Die SPD werde auf kein Gesprächsangebot der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel eingehen, solange diese darauf bestehe, Kanzlerin zu werden. Basta.

Dann rechnete sich die SPD per Akrobatik zum Sieg: Eigentlich seien CDU und CSU getrennte Parteien. Die SPD sei die stärkste -und habe Anspruch auf das Kanzleramt. Aber nach der Dresden-Nachwahl am 2. Oktober war klar: Die Union hat vier Sitze mehr als die SPD.

Union blieb hart

Zwar hielt die SPD die Kanzlerfahne hoch, doch die Öffentlichkeit regierte indigniert, und die CDU/CSU blieb hart: Wir haben die Mehrheit, wir stellen den Kanzler - oder genauer: die Kanzlerin.

Jetzt ging es ans Verhandeln, zunächst im grösseren Kreis und dann zu viert: Schröder, CDU-Chefin Merkel sowie die Parteivorsitzenden Franz Müntefering von der SPD und Edmund Stoiber von der CSU.

Und dann geschah Erstaunliches: Obwohl im Medienzirkus Berlin eigentlich alles eher früher als später bekannt wird, blieben die Verhandlungen der Vier tatsächlich geheim. Beobachter deuteten dies als erstes Anzeichen für den ernsthaften Willen zur Einigung.

Erst bei der Rückmeldung der Ergebnisse an die Parteipräsidien am Montag brach der Damm. Noch vor den Medienkonferenzen war es heraus. Merkel wird Kanzlerin, ihr Konkurrent Stoiber Wirtschaftsminister, die SPD bekommt acht Fachministerien, zwei mehr als die Union.

Schröders Rolle offen

Schröders politische Zukunft blieb zunächst offen. Im SPD- Vorstand schloss er nach Teilnehmerangaben die Übernahme eines Ministeramts im neuen Kabinett aus. Müntefering sagte dagegen, man habe am Montag überhaupt nicht über Personalfragen gesprochen.

Doch mit der Postenverteilung für die grosse Koalition nahmen CDU/CSU und SPD nur die erste Koalitionshürde. Jetzt geht es um das Verhandeln des Regierungsprogramms für die kommenden vier Jahre. Bis die neue Regierung steht, müssen beide Seiten noch einige Kröten schlucken. (sda)

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