Schnee in Hülle und Fülle: Grosse Schneedecke - kleine Lawinengefahr
Aktualisiert

Schnee in Hülle und FülleGrosse Schneedecke - kleine Lawinengefahr

Erstaunliche Feststellung eines Lawinenforschers: Die aktuellen dicken Schneedecken entschärfen die Lawinensituation, denn viel Schnee bedeutet nicht gleich eine grosse Lawinengefahr.

von
Thomas Pressmann

In einzelnen Teilen der Schweiz liegt schon massenhaft Schnee, vor allem in einzelnen Regionen des Oberwallis, des Tessins und des Oberengadins. Die Schneelage dort sei für Mitte Dezember «aussergewöhnlich» und komme statistisch etwa alle 30 Jahre vor, sagt Christoph Marty vom Schweizerischen Institut für Lawinenforschung. Die Schneedecke werde durch den Winter hindurch bestimmt noch weiter anwachsen, denn in den Hochlagen der Alpen werden die dicksten Schneedecken im März oder sogar erst im April gemessen.

Dieser viele Schnee bedeutet aber nicht, dass sich die Bergregionen auf einen Lawinenwinter wie 1999 einstellen müssen, wo 17 Menschen in Gebäuden und auf Verkehrswegen ums Leben kamen. Die Situation heute sei mit derjenigen von 1999 nicht vergleichbar, sagt der Klimatologe Marty. Damals fiel innert kürzester Zeit enorm viel Schnee. Die aktuellen dicken Schneedecken entschärfen dagegen die Lawinensituation, denn viel Schnee bedeutet nicht gleich eine grosse Lawinengefahr. Fällt der Schnee wie zurzeit - verteilt auf einen längeren Zeitraum - sei viel Schnee sogar besser als wenig, erklärt Christoph Marty. So sei eine dicke Schneedecke stabiler als eine dünne; dies weil die Temperaturunterschiede innerhalb der Schneedecke kleiner sind und somit weniger Spannungen auftreten.

Dennoch ist im Moment höchste Vorsicht geboten und die aktuellen Lawinenbulletins zu beachten.

Rekordwinter?

In gewissen Regionen der Alpensüdseite liegen zwar Rekordmengen an Schnee, an anderen Orten sei die Schneelage aber nicht sonderlich speziell, heisst es beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Und auch der Schnee im Mittelland sei nichts Aussergewöhnliches, bestätigt Stephan Bader von Meteoschweiz gegenüber 20 Minuten Online.

Wie der weitere Verlauf des Winters sein wird, können die Meteorologen nicht sagen. Meteoschweiz berechnet zwar auf der Basis verschiedenster Wettermodelle einen Trend für die jeweilige Saison, diese Berechnungen seien aber mit Vorsicht zu geniessen, heisst es. Bis Mitte Januar werde es vermutlich tendenziell eher zu trocken sein und etwas zu warm werden. Diese Wettersituation würde die Schneesituation entspannen. Aber: «Solche langfristigen Vorhersagen sind schon fast experimentell und nicht sehr aussagekräftig», sagt Adrian Stolz von Meteoschweiz und warnt vor zu schnellen Schlüssen auf den weiteren Verlauf dieses Winters.

Viel Schnee freut Touristiker

Die unangenehmen Seiten des Winters haben die Touristen und Einwohner des Obergoms zu spüren bekommen, als Anfang Woche verschiedene Ortschaften von der Aussenwelt abgeschnitten wurden – Strassen und Eisenbahnlinien wurden wegen Lawinengefahr gesperrt.

Solche Meldungen seien für das Wintergeschäft nicht gut, sagt Carmen Julier von Goms Tourismus. Sie weckten bei vielen Unterländern Ängste: «Wir müssen zurzeit häufig am Telefon erklären, dass alles sicher ist». Buchungen wurden zwar noch nicht abgesagt, die Touristikerin hofft aber, dass das Obergoms in diesem Winter nicht mehr von der Aussenwelt abgeschnitten wird. «Sonst können die Touristen gar nicht mehr zu uns kommen, auch wenn in den Dörfern keine Gefahr besteht».

Deutlich weniger, aber immer noch genug Schnee hat es im Berner Oberland, beispielsweise in Mürren. Dort ist man vor allem glücklich über das viele Weiss im Mittelland. «So haben alle wieder Lust auf Wintersport», sagt Marina Tonn von Jungfrau Tourismus. Auf die Touristen aus der Schweiz sei man zudem in diesem Jahr besonders angewiesen, denn aus Amerika und Russland kommen deutlich weniger Gäste als noch vor einem Jahr. Die Nachfrage von Besuchern aus Übersee sei «zögerlich», heisst es. In Mürren kann man zwar noch keine Zahlen nennen, der Grund für das Ausbleiben dieser sonst so vermögenden Gästeschar ist aber schon klar: die Weltwirtschaftskrise.

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