Michael Ambühl: Grosser Bahnhof für Mister Abgeltungssteuer
Aktualisiert

Michael AmbühlGrosser Bahnhof für Mister Abgeltungssteuer

Spitzen-Diplomat Michael Ambühl, der mit Deutschland den Waffenstillstand im Steuerstreit ausgehandelt hat, plauderte an der Uni Zürich aus dem Nähkästchen. Im Publikum sass die halbe Wirtschafts-Elite.

von
Lukas Hässig
Das Wort hat Mr. Abgeltungssteuer: Michael Ambuehl, Leiter des Staatssekretariats fuer Internationale Finanzfragen (SIF), an einer Medienkonferenz am 20. August 2010 in Bern.

Das Wort hat Mr. Abgeltungssteuer: Michael Ambuehl, Leiter des Staatssekretariats fuer Internationale Finanzfragen (SIF), an einer Medienkonferenz am 20. August 2010 in Bern.

Nächstes Jahr wird Michael Ambühl, Staatssekretär und in Bundesbern wichtigster Mann für einen florierenden Finanzplatz, 60 Jahre alt. Bei seinem gestrigen Auftritt in der Aula der Universität Zürich wirkte er zehn Jahre jünger. Mit ernster, berndeutsch gefärbter Stimme legte Ambühl Rechenschaft zum Steuerstreit mit Deutschland & Co. ab. Er verriet keine Geheimnisse, dafür sorgte er mit dosiert eingesetzten Sprüchen für eine aufgelockerte Stimmung.

Auftritt im Thinktank ist Schweizer Ritterschlag

Eingeladen hatte das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF), eine Art Thinktank, dem die Crème de la crème der helvetischen Wirtschaftselite angehört. Entsprechend war der Aufmarsch im Publikum. Unter den über 200 Gästen befanden sich der öffentlichkeitsscheue Ex-Credit-Suisse-Kapitän Rainer Gut, neben ihm Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz, dahinter sass Anwalt und «Too Big To Fail»-Experte Hans Caspar von der Crone, ebenfalls anwesend waren der bekannte Privatbankier Konrad Hummler, der Zürcher Staranwalt Peter Nobel, Ex-Mister-AHV Ulrich Grete, Uni-Professor Georg Kohler, der am Ende des Anlasses die Laudatio für den jährlichen SIAF-Awardgewinner für herausragende Doktorarbeiten vergab, und NZZ-Zeitungsmacher Felix Müller.

Ein SIAF-Auftritt kommt einem Ritterschlag gleich. Staatssekretär Ambühl begann seine Rede mit einem Witz. In Brüssel fragt ein gehetzter Schweizer zwei Einheimische nach dem Bahnhof. Weder auf Französisch, Deutsch, Englisch, Flämisch, Italienisch noch Spanisch kriegt er eine Antwort, worauf er genervt davoneilt. Da sagt der Eine: Hast Du gesehen, der kanns aber mit den Sprachen. Meint der Andere: Ja, aber was hat es ihm genützt?

Gelächter im Saal. Ambühl nutzt den Anfangsschwung, um die ihn prägende Verhandlungstaktik zu erläutern. «Was bringen all die Sprachen, wenn einem das Gegenüber nicht verstehen kann – oder will.» Sich in den Gegenspieler hineindenken, seine Position im Voraus verstehen, daraus die richtigen Schlüsse für die eigenen Wünsche und das eigene Ziel abzuleiten – das ist die Kernkompetenz jedes erfolgreichen Unterhändlers.

Ein gewiefter Taktiker, ein «Superstratege»

Hat Ambühl, der für die Schweiz die bilateralen Verträge aushandelte, das Optimum für den Finanzplatz herausgeholt? Das werden erst die konkreten Ergebnisse im nächsten Jahr zeigen. Dass sich aber Deutschland und England, zwei der Grossen der EU, mit der Schweiz über eine Abgeltungssteuer unter Wahrung der Privatsphäre der ausländischen Bankkunden an einen Tisch setzen, wird von den meisten inländischen Kommentatoren bereits als Teilsieg verbucht.

Der gewiefte Taktiker, dem Freunde das Prädikat «Superstratege» verleihen, betonte in seiner gestrigen Rede mehrmals, dass es um Geben und Nehmen gehe, darum, dass sich beide Seiten zuletzt als Sieger fühlen könnten. Ein starker Finanzplatz Schweiz, der die Sorgen und Nöte des Auslands verstehe und respektiere und sich entsprechend aufstelle, lautet Ambühls Credo.

Die Schweiz hat etwas zu sagen in Finanzsachen

Nicht mehr mauern und warten, bis der Sturm sich verzieht, sondern proaktiv auf das Ausland zugehen, lautet die neue Maxime. Drei Punkte hob der Diplomat, der das neue Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen (SIF) leitet, hervor: 1. Die Schweiz will sich international einbringen, gerade in Finanz- und Steuerfragen. 2. Der Finanzplatz will wettbewerbsfähig sein, ohne weiter ständig Gefahr zu laufen, auf schwarzen Listen zu landen. 3. Gefragt sind Kreativität und Entschlossenheit.

Die Aussichten auf Erfolg seien nicht schlecht, sagte Ambühl. «Mit dieser nicht euphorischen, aber für helvetische Verhältnisse optimistischen Einschätzung möchte ich schliessen.» Grosser Applaus. Ambühls Miene blieb undurchdringlich, seine Gefühlslage verborgen. Diplomatisch, könnte man sagen.

Eine einzige Äusserung verriet, wo Mister Dealmakers Sympathien liegen könnten. «Der bilaterale Weg ist schwierig», meinte Ambühl im Referat, und fuhr fort: «Ehrlicherweise muss man sagen, wäre eine EU-Mitgliedschaft auch nicht einfach.» Aus solchen Sätzen, die sich von brachialer Anti-EU-Rhetorik abhebt, schliessen Kritiker, der Spitzenbeamte sei insgeheim EU-Sympathisant.

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