Aktualisiert 13.12.2012 09:22

Verwanzte BusseGrosser Lauschangriff auf US-Pendler

Die USA heben die Überwachung ihrer Bürger auf eine neue Stufe: Mehrere Städte bauen in öffentliche Verkehrsmittel Mikrofone auf, um Gespräche der Passagiere aufzuzeichnen.

von
phi

«Big Brother hört mit», schrieb «The Daily» mit Blick auf George Orwells Horror-Szenario «1984». Das Blatt will im Besitz von offiziellen Dokumenten sein, nach denen US-Behörden mit einem grossen Lauschangriff auf die eigene Bevölkerung startet. Sie wollen Busse mit modernen Mikrofonen ausstatten, die mit Kameras gekoppelt werden können und die Gespräche der Passagiere aufzeichnen.

In einigen Städten können Angestellte der Verkehrunternehmen bereits jetzt mithören. Baltimore in Maryland hat im November die ersten zehn Busse mit Mikrofonen ausgestattet, die ausserdem von sechs Kameras überwacht werden. Die Konversationen werden dort 30 Tage lang gespeichert, berichtet die «Baltimore Sun». Sollte die Polizei die Aufnahme zur Beweisführung brauchen, kann sie die entsprechenden Daten aus dem Speicher im Bus herunterladen.

Auch in Orzak, Arkansas, wurde ein solches System installiert. «Aus meiner Sicht ist die Nutzung von Mikrofonen ein Lebensretter für die Fahrer», verteidigte Joel Gardner von den lokalen Verkehrsbetrieben in «The Daily» die Massnahme. Ihm gehe es um ungerechtfertigte Anzeigen gegen die Chauffeure: «Wir können die Tonbänder anhören und falsche Anschuldigungen entkräften.»

Motoren- und Hintergrundlärm herausfiltern

Nach Columbus, Ohio, hat mit San Francisco im Juli eine zweite Grossstadt die totale Überwachung beschlossen. Gerade erst wurde ein Vertrag in Höhe von 5,9 Millionen Dollar abgeschlossen. In den kommenden vier Jahren sollen 357 Busse mit Mikrofonen ausgestatte werden – mit einer Option auf die Aufrüstung von 613 weiteren Beförderungsmitteln.

Auch kleinere Orte wie Eugene, Orgeon, setzen auf den grossen Lauschangriff. Die dortigen Behörden forderten explizit Systeme an, die Motorenlärm, Fahrtwind und Hintergrundgeräusche herausfiltern können. Jedes der fünf Mikrofone in den dortigen Bussen «soll mit einem oder mehreren Kameras gekoppelt werden und synchron mit dem Video aufzeichnen». Ähnlich sieht es in Siedlungen wie Traverse City in Michigan, Athens in Georgia oder Hartford in Connecticut aus.

Gefahr von Missbrauch

Die Juristin Anita Allen von der Universität Pennsylvania sieht die Überwachung äusserst kritisch. «Das ist recht schockierend und mehr als wir gewohnt sind. Dass jetzt auch noch Gespräche aufgezeichnet werden, ist sehr heikel.» Bürgerrechtler fürchten ausserdem Missbrauchsmöglichkeiten. «Es wäre ein Leichtes, die Überwachungssysteme mit Gesichts- oder Stimmenerkennung zu verbinden, um die Identifikation der Reisenden zu ermöglichen», bestätigt Ashkan Soltani entsprechende Sorgen.

Die verschärfte Spionage unter den Bürgern kommt laut dem Sicherheitsexperten nicht überraschend. «Die Technik ist traurigerweise ein Beleg für einen Trend hin zu einer gesteigerten Überwachung durch private und staatliche Personen unter dem Vorwand einer besseren Sicherheit.» Die Volksweisheit «Erst nachdenken, dann reden» bekommt in in den USA nun eine völlig neue Dimension.

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