Aktualisiert 10.06.2009 15:31

Geschichte & PolitikGrosser Streit um Alexander

Als Übung in nationalem Selbstverständnis ist es ein kühnes Unterfangen: Mazedonien plant im Herzen der Hauptstadt eine gigantische Statue Alexanders des Grossen zu Pferde.

So mancher Bürger ist entsetzt: Das acht Stockwerke hohe Reiterstandbild werde das Stadtbild von Skopje verschandeln, mehr kosten, als das arme Land sich leisten könne, die Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen anheizen und den grossen Nachbarn Griechenland verärgern.

Der Unmut schwappt schon über die Grenze. Die Griechen, die Alexander für sich beanspruchen und Mazedonien gar das Recht auf seinen Namen absprechen, betrachten das Monument als weitere Provokation. Selbst die Europäische Union hat sich zu Wort gemeldet und das Vorhaben als «nicht hilfreich» bezeichnet.

Argwohn und Spott

Für Mazedonien berührt der Statuenstreit den Kern seines eigentlichen Dilemmas. Der Kleinstaat aus der Erbmasse Jugoslawiens sieht seit der Unabhängigkeit 1991 seine Identität von allen Seiten infrage gestellt: nicht nur von Griechenland, auch von Bulgarien, das seine Sprache bloss als Dialekt der eigenen betrachtet, und von Serbien, das die Selbstständigkeit seiner christlich-orthodoxen Kirche bestreitet. Daheim fühlen sich viele Bürger albanischer Herkunft, die ein Viertel der zwei Millionen Einwohner ausmachen, von der slawischen Mehrheit diskriminiert.

Härtester Widersacher ist Griechenland, das die Bezeichnung Mazedonien exklusiv für seine eigene gleichnamige Provinz beansprucht und dafür gesorgt hat, dass der Nachbar offiziell umständlich als «Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien» firmieren muss. Es befürchtet, dass der Kleinstaat nach seiner Provinz Mazedonien trachtet, und betrachtet mit wachsendem Argwohn dessen Hang, Flughäfen und Autobahnen nach Alexander umzubenennen. Die Riesenstatue ist da nur ein weiterer Tort. Das Athener Aussenministerium verspottete sie als «umgekehrt proportional zu Ernsthaftigkeit und historischer Wahrheit».

Grösster Grieche aller Zeiten

Bei Alexander dem Grossen verstehen die Griechen keinen Spass, haben sie den fürstlichen Feldherrn doch gerade erst zum grössten Griechen aller Zeiten gekürt. Bei der Umfrage eines Fernsehsenders gewann er vorigen Monat mit 127 011 von 700 000 abgegebenen Stimmen. An zweiter Stelle folgte mit 103 661 Stimmen Georgios Papanicolaou, der Erfinder des Pap-Tests zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs.

In Saloniki, der Hauptstadt der griechischen Provinz Mazedonien, steht schon längst ein Alexander-Denkmal. Mit Irak vereinbarte die griechische Regierung im Januar die Errichtung einer Statue bei Mossul auf dem Schlachtfeld, wo Alexander im Jahre 331 vor Christus die Perser vernichtend schlug.

Zehn Millionen Euro Kosten

In Skopje hält Ministerpräsident Nikola Gruevski derweil unbeirrt an seinen Plänen Fest. Das 22 Meter hohe Bronze-Standbild Alexanders auf seinem Ross Bucephalus wird in Florenz gegossen und soll nächstes Jahr im Stadtzentrum aufgestellt werden. Einschliesslich einer Kirche und weiterer Statuen historischer Persönlichkeiten soll das Ensemble zehn Millionen Euro kosten - während das Durchschnittseinkommen bei 315 Euro monatlich und die Arbeitslosigkeit bei 35 Prozent liegt. Manche albanischstämmige Bürger fordern, dass neben einer neuen Kirche dann auch eine neue Moschee entstehen müsse.

«Die Spaltung ist so tief wie eine Schlucht», sagt Radmila Sekerinska, die sozialdemokratische ehemalige Oppositionsführerin. Dies sei nicht die Zeit für eine «Alexander-Mania». (dapd)

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