Gurten: Grosses Openair ohne grosse Namen
Aktualisiert

GurtenGrosses Openair ohne grosse Namen

Während sich in anderen Jahren alles um einige Superstars drehte, wurde das Gurten-Publikum heuer durch alle überraschenden Höhen und Tiefen des aktuellen Musikgeschehens gejagt.

von
Nicolas Hehl
SDA

Beispielhaft für diese beglückende Schlingerfahrt war am Freitag der Auftritt von Faith No More, die mit einem Easy Like Sunday Morning-Cover Eingang ins kollektive Bewusstsein fanden, ihre grosse Zeit aber seit Ende der 1990er-Jahren hinter sich haben. Auf dem Gurten verwirrte der stimmgewaltige Mike Patton das Publikum mit Crossover-Tiraden, nur um es kurz vor dem Blackout mit zuckersüssen Balladen zu versöhnen.

Zuckerbrot und Peitsche, enttäuschte Hoffnung und Glück aus dem Hinterhalt schienen Programm an der 27. Gurten-Ausgabe: Am Donnerstag zogen Empire of the Sun mit Hochglanz-Faxen David Bowie in den Dreck. Nur Stunden später entliess der begnadete Pete Dohertys Tausende glücklich und verstört zugleich in die Nacht.

Hinterrücks hingerissen

Die gleichen Leute strahlten schon am Nachmittag darauf wieder mit der Sonne um die Wette, als Charlie Hobo Winston und seine groovige Truppe mit einer eigenwilligen Melange aus Soul und Folk ein kollektives Glücksgefühl über die Gurtenwiese zauberten. Von Gossip bleibt vor allem Beth Dittos Wucht und ihre eindrückliche Stimme in Erinnerung.

Hinterrücks hingerissen wurde das Publikum vom mexikanischen Gitarrenduo Rodrigo y Gabriela, das mit vertracktem Trash-Metal- Flamenco die Zeltbühne kurzzeitig in einen Hexenkessel verwandelte.

Lunik blieben sich mit ihren radiotauglichen Balladen nichts schuldig; bei Sens Unik wollte der Funke nicht mehr springen. Das John Butler Trio jagte Strom auch in die müdesten Berner Tanzbeine, während die Show der Poprock-Bubis The Kooks so milchgesichtig war wie sie selber.

Ein besonderer Zauber lag auch dieses Jahr über der für einheimische Künstler reservierten Waldbühne: Ein paar Schritte über eine Geländekuppe reichten, um in die Atmosphäre eines Alternativfestivals einzutauchen. Musikalisch musste man sich auch hier auf alles gefasst machen, aufregend war es aber auf jeden Fall.

Vom wirren Auf und Ab auf den drei Bühnen schien auch das Wetter inspiriert: Von sengender Sonne bis zu Gewittergüssen, verhangenen Tagen und lauen Abenden war alles dabei. Hier und dort bildeten sich ein paar Pfützen, anders als in den letzten Jahren blieb dem Gurten die grosse Schlammschlacht aber erspart.

Eindrücklich routinierte Organisation

Wesentlich zur gelassenen Stimmung in der traditionell allzu dicht gedrängten Menge trug die mittlerweile perfekte Organisation des Gurtenfestivals bei.

Trotz des Ansturms blieben die Wartezeiten an der Bahn moderat, ebenso an den neuen, für Festivalverhältnisse fast gespenstisch sauberen Toiletten. Medizinische Zwischenfälle und Abfallberge wurden routiniert gehandhabt, zum nächsten Getränk oder Gericht war der Weg kaum je weiter als zwei Schritte.

Zu Recht happy zeigten sich am Sonntag die Festival- Organisatoren. Drei ausverkaufte Tage - insgesamt 72 000 Tickets - und keine nennenswerten Zwischenfälle. Der 28. Ausgabe des traditionellen Festivals auf dem Berner Hausberg vom 14.-17. Juli 2011 steht damit nichts im Weg.

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