RTL-Reportage: Großküchen servieren Schülern Gammelfleisch
Aktualisiert

RTL-ReportageGroßküchen servieren Schülern Gammelfleisch

Günter Wallraff hat erneut einen Lebensmittelskandal aufgedeckt. Caterer machen Kostendruck für schlechtes Essen verantwortlich.

von
cmr
Problemfall: Das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Problemfall: Das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Zehn Monate lang hat das «Team Wallraff» für die gleichnamige RTL-Reportagereihe verdeckt als Mitarbeiter in Großküchen gearbeitet, um herauszufinden, was uns in Schulen und Altenheimen aufgetischt wird. Sein Fazit ist wenig bekömmlich.

Eine RTL-Reporterin aus Wallraffs Team entdeckte in einer Großküche in Wuppertal verschimmelte Gurken und seit über neun Monaten abgelaufenes Bio-Hackfleisch. Eine Straftat, wie ein Anwalt für Lebensmittelrecht klarstellt. Auch die Mitarbeiter vor Ort zeigen sich beschämt, wollen ihren Job aber nicht auf's Spiel setzen. «Wir sind auch nicht begeistert. Aber dann heißt es bei uns: Entweder du kommst oder du kommst nicht», erklären sie.

Paradies für Keime

In einem Oldenburger Altenheim fand eine zweite Reporterin heraus, dass Teller mit unangerührten Speisen stundenlang in der warmen Küche herumstehen – ein Paradies für Keime. Dass diese bei Bedarf den Bewohnern wieder aufgetischt wurden, störte offenbar niemand. Auch in Sachen Hygiene zeigten sich dort katastrophale Zustände: Mit Schimmel bewachsene Flächen und Darmkeime an den Spülbecken und auf dem Boden.

Eine weitere Mitarbeiterin erklärte der Reporterin ganz offen: «Mir tut das Leid mit den alten Leuten. Mein Gewissen sagt: Stopp. Ich esse hier nicht, mich ekelt es auch etwas.» Für Ernährungswissenschaftlerin Alexa Iwan ein Skandal: «Jemand, der täglich essen kocht – und sei es für zehn oder für tausend Personen – hat eine hohe Verantwortung.» Franz Voll, ehemaliger Lebensmittelkontrolleur, kritisiert in dem Beitrag: «Das Essen ist minderwertig.»

Minderwertiges Essen wegen niedriger Preise?

Ein Grund für die Misere ist der Zeitdruck. Bereits drei Tage im Voraus werden Menüs zubereitet. Anders sei die Arbeit nicht zu bewältigen. Der Rest ist wie immer eine Frage des Geldes.

In Wuppertal werden täglich 25.000 Mittagessen für Schulen und Kindergärten in ganz Deutschland produziert – für rund 2,10 Euro die Mahlzeit. Betreiber von Großküchen sind so mehr oder minder gezwungen, verhältnismäßig geringe Einnahmen aus billigen Essenspreisen durch niedrige Einkaufskosten auszugleichen.

Je näher am Verfall, desto preiswerter

Ulrike Arens-Azevêdo sieht die Schuld deshalb nicht nur bei den Caterern. «Der Preis ist ein Dilemma. Die Caterer sind nicht in der Lage, das zu bezahlen. Unter drei Euro ist Qualität nicht zu haben», sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Die Nahrungspreise seien in einigen Bundesländern derart niedrig angesetzt, dass grundlegende Ernährungsstandards nicht eingehalten werden können.

Laut den Recherchen der Reporter gibt es erhebliche Rabatte, wenn Waren kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum sind oder schon darüber. Im Umkehrschluss bedeutet das: Weggeworfen wird nichts. Für niemanden.

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