16.07.2018 17:03

Alles andere als offen

Grossraumbüros killen den Small Talk mit Kollegen

Unternehmen wollen mit offenen Büros die Interaktion und Produktivität fördern. Eine Studie belegt das Gegenteil.

von
Dominic Benz
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Unternehmen wollen mit hippen Grossraumbüros und Open Workspaces die Interaktion, Produktivität und Kreativität bei den Mitarbeitern fördern.

Unternehmen wollen mit hippen Grossraumbüros und Open Workspaces die Interaktion, Produktivität und Kreativität bei den Mitarbeitern fördern.

Keystone/Martin Ruetschi
Eine Studie der Universität Harvard zeigt aber, dass das Gegenteil der Fall ist.

Eine Studie der Universität Harvard zeigt aber, dass das Gegenteil der Fall ist.

Keystone/Christian Beutler
Demnach sind Grossraumbüros richtige Kommunikationskiller: Sie ersticken die persönlichen Gespräche im Keim, sodass die Interaktion zunehmend am Computer per Mail und Chat stattfindet.

Demnach sind Grossraumbüros richtige Kommunikationskiller: Sie ersticken die persönlichen Gespräche im Keim, sodass die Interaktion zunehmend am Computer per Mail und Chat stattfindet.

Keystone/Christian Beutler

Einzelbüros und fixe Arbeitsplätze sind out. Der letzte Schrei sind Grossraumbüros und sogenannte Open Workspaces. Konzerne wie Novartis, Swisscom oder die SBB geben sich modern und setzen auf offene Räume. Das soll bei den Mitarbeitern die Interaktion, Produktivität und Kreativität fördern, versprechen die Chefs.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Das zeigt eine neue Studie der Universität Harvard. Demnach sind Grossraumbüros richtige Kommunikationskiller: Sie ersticken die persönlichen Gespräche im Keim, sodass die Interaktion zunehmend auf elektronischem Weg stattfindet.

Arbeiten Sie gerne im Grossraumbüro? Oder können Sie es nicht ausstehen? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.

Ergebnis ist ernüchternd

Für ihre Studie gingen die Autoren zu zwei grossen US-Unternehmen und begleiteten dort den Umzug der Angestellten von Einzel- in Grossraumbüros. Jeweils vor und nach dem Umzug wurde beobachtet, wie die Mitarbeiter untereinander kommunizieren.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Während die persönlichen Gespräche um über 70 Prozent abnahmen, legte die Kommunikation per Mail und Chats um knapp 70 Prozent zu. Redeten die Mitarbeiter vor dem Umzug noch 5,8 Stunden pro Tag miteinander, waren es nachher noch 1,7 Stunden.

Weniger produktiv

Für die Wissenschaftler ist der Grund klar: Im Grossraumbüro fühlen sich die Mitarbeiter beobachtet und belauscht. Daher wählen sie den Computer als Kommunikationsmittel. Wie die Studie aber zeigt, belastet das lange Schreiben von Mails die Produktivität. Ebenso sind die Gespräche weniger informativ und tiefgründig. Zudem sorgt die offene Architektur für eine Reizüberflutung und zu viel Ablenkung.

Für den Arbeitspsychologen Felix Frei ist es wichtig, dass Mitarbeiter im Büro mehr oder weniger frei plaudern können. Dazu gehört auch der Small Talk. Dieser sei wichtig für den sozialen Kitt, so der Experte. «Ohne Lästern gibt es kein Arbeitsleben.»

Falsche Vorstellung von Kommunikation

Jedoch haben laut Frei die Unternehmen eine falsche Vorstellung von Kommunikation. «Sie verkennen, wie wichtig das Palavern ist.» Es gehe nicht nur um sachlichen Informationsaustausch. Doch gerade über bestimmte Themen wolle man nicht im Grossraumbüro sprechen. Das führe dann eben dazu, dass man die bloss sachliche Kommunikation schriftlich abwickle.

Für die Mitarbeiter sei das wenig lustvoll, so Frei.

Grossraumbüros seien sicher auch eine Modeerscheinung. «Die Firmen laufen da einander hinterher.» In erster Linie wolle man Büroflächen optimieren und Kosten senken. Doch sowohl Gross- wie Einzelbüros können Vorteile haben. «Das kommt auf die Art der Arbeit drauf an», sagt Frei. Ein offenes Büro sei gut, wenn es um eine rasche Kommunikation gehe. «Produktivität oder Interaktion lässt sich allerdings nicht mit Architektur erzwingen.»

Gruppendynamischer Effekt

Arbeitspsychologe Markus Grutsch von der Fachhochschule St. Gallen beobachtet in Grossraumbüros den sogenannten Kokon-Effekt: «Die Menschen kapseln sich in der Öffentlichkeit ab. Das Phänomen gibt es auch im Tram oder Zug.» Um sich besser konzentrieren zu können, arbeite man still vor sich hin. Zeitgleich wolle man niemanden stören, weshalb man dann lieber per Computer kommuniziere. «Das ist ein gruppendynamischer Effekt», so Grutsch.

Daher sei es wichtig, dass Büros den jeweiligen Bedürfnissen angepasst sind. Neben Rückzugszonen seien beispielsweise Lärmdämmungen und Sichtschütze wichtig. «Mit einem grossen Raum und ein paar Tischen alleine ist es nicht gemacht.»

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