Laute Kritik: Grubenunglück in Soma: «Die Firma ist schuld»
Publiziert

Laute KritikGrubenunglück in Soma: «Die Firma ist schuld»

Überlebende beklagen haarsträubende Sicherheitsmängel und nachlässige Inspektionen im Unglücksbergwerk. Betreiber und Regierung wollen davon nichts wissen.

von
Desmond Butler
AP

Für Bergmann Erdal Biçak ist klar, was für das schlimmste Grubenunglück in der Geschichte der Türkei verantwortlich ist: Die Nachlässigkeit der Betreiberfirma. Der 24-Jährigehatte am vergangenen Dienstag gerade seine Schicht im Bergwerk Soma beendet, als seine Vorgesetzten anordneten, dass er nochmals in die Grube einfahren solle, weil es ein Problem gab.

«Die Firma ist schuld», sagt er der Nachrichtenagentur Associated Press bei einer Mahnwache für die Opfer von Soma im Zentrum der nahe gelegenen Stadt Savastepe. Die Manager hätten Geräte gehabt, die die Methangaskonzentration in der Luft gemessen hätten. «Die neuen Gaskonzentrationen sind zu hoch gestiegen, und sie haben es uns nicht gesagt.»

Und auch die Sicherheitsinspektionen seien reine Augenwischerei gewesen, klagt der Bergmann. Die Inspekteure seien nie in die tiefer gelegenen Stollen der Soma-Mine gekommen und hätten keine Vorstellung davon gehabt, unter welch schlechten Bedingungen die Menschen dort gearbeitet hätten.

Die Wut in der Bevölkerung nach dem Bergwerksinferno mit rund 300 Toten ist gross. Die Polizei ging am Freitag in Soma mit Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten vor, die Steine warfen und lautstark den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderten. In Istanbul gingen die Sicherheitskräfte gegen eine Menge vor, die Kerzen zum Gedenken an die Opfer anzündete.

«Ich kann nicht mehr weiter. Lass mich zurück. Ich werde sterben.»

Biçakerzählt, er habe sich zusammen mit 150 Kollegen etwa einen Kilometer unter der Erde befunden, als sie eine Explosion gehört hätten. Daraufhin seien ihnen alte Sauerstoffmasken ausgehändigt worden, die so ausgesehen hätten, als seien sie seit vielen Jahren nicht mehr kontrolliert worden.

Zusammen mit einem guten Freund habe er versucht, sich zu einem Ausgang vorzuarbeiten, aber alles sei voll mit Rauch gewesen. Der Stollen war sehr eng und steil, die Decke so niedrig, dass man nicht stehen konnte und nur sehr langsam vorankam. Sein Freund und er hätten sich gegenseitig geohrfeigt, um nicht das Bewusstsein zu verlieren.

«Ich habe meinem Freund gesagt: 'Ich kann nicht mehr weiter. Lass mich zurück. Ich werde sterben.'», berichtet Biçak. Aber sein Freund habe ihm nur gesagt: «Nein, wir kommen hier raus.» Am Ende haben sie es tatsächlich geschafft. Doch von den 150 Kollegen, mit denen er unter Tage arbeite, überlebten nur 15.

Rauch hat viele getötet

Der dichte Rauch von dem Brand im Bergwerk habe viele Arbeiter getötet, die keine Atemschutzmasken gehabt hätten, räumt der Betriebsleiter der Bergbaugesellschaft, Akin Çelik, ein. Die türkische Regierung hat eine Untersuchung eingeleitet, doch bereits vorab waren sich die zuständigen Politiker und Bergbauexperten sicher, dass sie keine Schuld trifft.

«Mit Blick auf den Vorfall gibt es keine Nachlässigkeit», erklärt etwa Hüseyin Çelik, stellvertretender Vorsitzender der Regierungspartei. Die Mine in Soma sei «seit dem Jahr 2009 elfmal gründlich überprüft worden», sagt er. «Lasst uns aus diesem Leid lernen und unsere Fehler berichtigen. Aber jetzt ist nicht die Zeit, einen Sündenbock zu suchen.»

Die gleichen Worte kommen von seinem Namensvetter von der Minengesellschaft. «Es gibt eine Nachlässigkeit mit Blick auf den Vorfall. Wir haben mit ganzen Herzen und ganzer Seele gearbeitet. Ich habe so etwa in 20 Jahren nicht erlebt», sagte er.

Betreiber wurden vor Kontrollen vorgewarnt

Ein vorläufiger Untersuchungsbericht, aus dem die Zeitung «Milliyet» am Samstag zitiert, sieht das nicht ganz so eindeutig. Schwelende Kohle brachte demnach die Decke eines Stollens zum Einsturz. Dem Bericht zufolge seien die Stützpfeiler lediglich aus Holz und nicht aus Metall gewesen und es habe nicht genug Kohlenmonoxidsensoren gegeben.

Und auch Bergmann Biçakteilt die Sichtweise der Offiziellen nicht. Die letzte Inspektion habe sechs Monate zurückgelegen. Die Manager des Betreibers wüssten, dass die Kontrolleure nur die obersten 100 Meter der Mine besichtigten, da sei dann immer alles schön ordentlich. Die gefährlichen Bereiche weiter unten bekämen die Inspekteure nicht zu Gesicht.

Zudem werden die Betreiber immer mindestens eine Woche vor den Kontrollen informiert, sagt Özgür Özel, ein Oppositionspolitiker in der Region Soma. Er wirft der Regierung vor, die internationalen Richtlinien für Arbeitssicherheit in Bergwerken nicht zu berücksichtigen.

Biçaksteht noch unter Schock, versucht, den Tod der vielen Kollegen zu verarbeiten. Eines ist für ihn aber klar. Unter Tage wird er nicht mehr arbeiten. «Gott hat mir eine Chance gegeben. Jetzt bin ich damit fertig», sagt er.

Deine Meinung