Aktualisiert 18.10.2016 16:43

FlugzeugabsturzGrüne warnen per Video vor Anschlag auf AKW

Übersteht ein Atomkraftwerk einen Flugzeugabsturz? Ein Clip lanciert die Sicherheitsdebatte neu.

von
J. Büchi

Der Grüne Bastien Girod streute das Video auf Twitter.

Ist es legitim, ein Flugzeug mit 164 Insassen abzuschiessen, um 70'000 Menschen in einem Fussballstadion zu retten? Über diese Frage debattierte die Schweiz am Montagabend im Rahmen des SRF-Themenabends «Terror – Ihr Urteil».

In einem Video, das seit Dienstagnachmittag auf Social Media die Runde macht, greifen auch die Grünen das Szenario auf. «Und wenn ein Passagierflugzeug in ein AKW gestürzt wird?», fragen sie. Unterlegt von unheilvoller Musik schildern die Initianten der Atomausstiegsinitiative, warum die Schweizer Kernkraftwerke vor einem gezielten Flugzeugabsturz «nicht sicher» seien.

«Da käme die Luftwaffe zu spät ...»

So sollen die Aufnahmen zeigen, dass das AKW Beznau so nahe an der Landeroute liege, dass ein Unglück im Falle einer Flugzeugentführung gar nicht verhindert werden könnte. «Da käme die Luftwaffe zu spät ...», heisst es im eingeblendeten Text. Es drohe ein Unglück wie in Tschernobyl oder Fukushima.

Thomas Hurter (SVP), Berufspilot und Gegner der Atomausstiegsinitiative, verurteilt die Aussagen im Video scharf. «Das ist pure Angstmacherei.» So sei die Behauptung, dass die Luftwaffe im Ernstfall keine Zeit hätte, um rechtzeitig eingreifen zu können, «an den Haaren herbeigezogen und völlig unqualifiziert». Er finde es falsch, wenn in einem Abstimmungskampf zu solchen Mitteln gegriffen werde. Die Luftwaffe erhöhe derzeit ihre Bereitschaft, um in Zukunft rund um die Uhr innert 15 Minuten bereit zu sein.

Ex-Swissair-Pilot Max Tobler, der seit Jahren vor dem Terrorrisiko bei AKW warnt, widerspricht: «Auf dem Online-Flugradar kann sich jeder Bürger davon überzeugen, dass Flugzeuge regelmässig in geringer Höhe über Beznau fliegen.» Ein Berufspilot könne eine Maschine problemlos in das Kernkraftwerk steuern. «Wenn die Boden- und Flugkontrolle realisiert, was er im Schilde führt, bleibt nicht mehr genug Zeit, um einen Kampfjet loszuschicken.» Die Luftwaffe und das Verteidigungsdepartement wollen sich «zu konkreten oder theoretischen Fällen» nicht äussern.

Umstrittenes Ensi-Zitat

Als Beweis, dass die Schweizer AKW vor einem vorsätzlichen Flugzeugabsturz nicht sicher seien, führt Urheber Bastien Girod im Video auch eine Aussage an, die ein Vertreter der Atomaufsichtsbehörde Ensi ihm gegenüber im Rahmen von Kommissionsberatungen gemacht haben soll.

Er habe einen Antrag stellen wollen, wonach die Schutzhülle der AKW genug stabil sein muss, «um den Absturz eines modernen Passagierflugzeugs mit heute erreichbarer Geschwindigkeit standzuhalten», so der Nationalrat der Grünen. Die Antwort der Ensi habe gelautet: «Dann müssten alle AWK sofort vom Netz.»

Diese Aussage sei ihm nicht bekannt, sagt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber. Grundsätzlich sei die Frage nach vorsätzlichen Flugzeugabstürzen bereits intensiv untersucht worden. In einem 2003 publizierten Bericht wurden Szenarien mit sämtlichen Flugzeugtypen, verschiedenen Geschwindigkeiten und Anflugbedingungen durchgerechnet.

Neue Sicherheitsanalyse

Fazit: Die neueren AKW Gösgen und Leibstadt wiesen bei einem Absturz eines modernen Langstreckenflugszeugs auch bei hoher Geschwindigkeit «einen Vollschutz» auf, heisst es im Bericht. Bei den älteren Werken Mühleberg und Beznau könne «nicht ganz ausgeschlossen werden», dass Flugzeugteile in das Reaktorgebäude eindringen und sicherheitstechnische Einrichtungen beschädigen könnten. Allerdings hänge die Wahrscheinlichkeit dafür «entscheidend von der Anfluggeschwindigkeit und dem Aufprallwinkel ab».

Das Ensi arbeitet derzeit an einem aktualisierten Bericht, in dem unter anderem auch schwerere und grössere Flugzeugtypen berücksichtigt werden. Wann die Resultate vorliegen, ist noch unklar. Sollten zusätzliche Schutzmassnahmen nötig sein, werde das Ensi diese von den AKW-Betreibern verlangen, so Hueber.

«Reinen Wein einschenken»

Bastien Girod reicht dies nicht: «Die Krux ist ja, dass wir jederzeit sicher sein müssen.» Weil heute «dreimal schwerere Flugzeuge» verkehrten als beim Bau der AKWs und bei den Sicherheits-Untersuchungen angenommen, sei die Sicherheit derzeit «nicht einmal für Gösgen und Leibstadt gewährleistet», ist Girod überzeugt. Den Vorwurf der «Angstmacherei» weist er zurück: Wenn öffentlich über einen fiktiven Anschlag auf ein Fussballstadion diskutiert werde, dürfe auch eine Debatte darüber angestossen werden, welche Folgen ein Anschlag auf ein Kernkraftwerk hätte. «Wir müssen der Bevölkerung reinen Wein einschenken.»

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