Bern: Grüner will künstliche Gletscher züchten

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Kanton BernGrüner will künstliche Gletscher züchten

Im Kanton Bern sollen mögliche Standorte für künstliche Gletscher geprüft werden, fordert ein grüner Politiker. Beim Regierungsrat findet das Begehren wenig Anklang. 

von
Simon Ulrich
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Seit einigen Jahren «züchten» Forscherinnen und Forscher künstliche Gletscher, sogenannte Eis-Stupas. Hier ein Stupa der Universität Aberdeen/Schottland. 

Seit einigen Jahren «züchten» Forscherinnen und Forscher künstliche Gletscher, sogenannte Eis-Stupas. Hier ein Stupa der Universität Aberdeen/Schottland. 

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Eisstupas sollen Wasser speichern und so der Wasserknappheit in den heissen Sommermonaten entgegenwirken. Bild: Eis-Stupa der Universität Freiburg in Guttannen BE. 

Eisstupas sollen Wasser speichern und so der Wasserknappheit in den heissen Sommermonaten entgegenwirken. Bild: Eis-Stupa der Universität Freiburg in Guttannen BE. 

Daniel Bürki
Die Kantonsregierung sieht in künstlichen Gletschern jedoch zu wenig Potenzial und beantragt das Postulat des Grünen Beat Kohler zur Ablehnung.

Die Kantonsregierung sieht in künstlichen Gletschern jedoch zu wenig Potenzial und beantragt das Postulat des Grünen Beat Kohler zur Ablehnung.

Ruben Ung

Darum gehts

  • Der grüne Kantonsrat Beat Kohler will vom Berner Regierungsrat, dass er geeignete Standorte für Gletscherzuchten prüft. 

  • Damit soll der zunehmenden Wasserknappheit entgegengewirkt werden. 

  • Die Kantonsregierung sieht in künstlichen Gletschern jedoch zu wenig Potenzial und beantragt das Postulat zur Ablehnung.

Fast die Hälfte der Gletscher könnte bis 2100 verschwinden: Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Die Eisschmelze führt nicht nur zu einem Anstieg der Meeresspiegel, sondern auch zu einer Gefährdung der Wasserversorgung. 

Um der drohenden Wasserknappheit im Sommer entgegenzuwirken, «züchten» Forscherinnen und Forscher seit einigen Jahren künstliche Gletscher, sogenannte Eis-Stupas: Wasser, das durch einen Sprinkler verspritzt wird, gefriert und es bildet sich ein Eiskegel. Die Uni Freiburg hat im bernischen Guttannen mit einem solchen System experimentiert und erste Erfahrungen in der Schweiz gesammelt.

Höchste Zeit also, dass auch im Kanton Bern das Potenzial der Gletscherzucht geprüft wird, findet Beat Kohler. Im Hinblick auf künftige Trockenphasen fordert der Grüne den Regierungsrat auf, geeignete Standorte ausfindig zu machen und einen Pilotversuch für eine Gletscherzucht anzustossen. Das Know-how sei vorhanden: Die Universität Bern oder die Wyss Academy verfügten über genügend Spezialisten.

Forscher der Uni Freiburg bauen sogenannte Eisstupas – Mini-Gletscher, die Schmelzwasser speichern.

Video: 20min/dsl

Bedenken hinsichtlich Kosten und Nutzen

Die Berner Kantonsregierung sieht in künstlichen Gletschern jedoch zu wenig Potenzial. Zwar räumt sie ein, dass der Speicherung des Wassers im Alpenraum eine zentrale Bedeutung zukomme. «Ob sich die Gletscherzucht eignet, um dem Wassermangel im Mittelland entgegenzuwirken, ist aber fraglich», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort. So könne laut aktuellem Forschungsstand die künstliche Beschneiung von Gletschern deren Schrumpfen nur leicht verzögern, nicht aber stoppen. Die Wassermenge lasse sich wegen der temperaturabhängigen Schmelze zudem nicht gezielt steuern.

Die Oberflächengewässer und Grundwasserspeicher im Mittelland seien nur zum Teil durch Schmelzwasser der Gletscher gespeist, hält der Regierungsrat weiter fest. «Der grösste Teil des aktuell noch in grossen Mengen anfallenden Schmelzwassers aus dem Berner Oberland fliesst in der Aare durch das Berner Mittelland und Seeland hindurch, ohne dass bei einer akuten Wasserknappheit direkt darauf zugegriffen werden könnte.» Selbst am trockensten Tag führe die Aare ein Vielfaches der Wassermenge, welche die Landwirtschaft benötige. 

Gänzlich verschliessen will sich die Kantonsregierung der Gletscherzucht aber nicht. So verfolge man das Beschneiungs-Projekt am Morteratschgletscher im Bündnerland und prüfe laufend, inwiefern sich die gewonnenen Erkenntnisse auf die Situation im Kanton Bern anwenden lassen. Auch hier gebe es jedoch Bedenken: Ohne grosse künstliche Stauanlagen drohen die Gletscherseen zu überlaufen

Künstliche Gletscher züchten – was hältst du davon?

«Alles bringe ich nicht durch»

Beat Kohler hat wenig Verständnis für die Argumente des Regierungsrats. Schliesslich verweise er in seinem Vorstoss bewusst auf das Forschungsprojekt der Uni Freiburg in Guttannen, bei dem es gerade nicht um eine grossflächige und kostenintensive Eisherstellung gehe. «Ich könnte ja noch verstehen, wenn der Regierungsrat unter Verweis auf die fehlenden finanzielle Ressourcen keinen Pilotversuch anstossen möchte. Warum er aber nicht einmal bei der Prüfung möglicher Standorte Hand bieten will, kann ich nicht nachvollziehen», so der Grünen-Kantonsrat zu 20 Minuten. Die Identifizierung potenzieller Standorte für die Gletscherzucht ist Kohler zufolge wichtig, um eine solche Nutzung im Richtplan sichern zu können. 

Kohlers Postulat kommt demnächst zurück ins Parlament. Er werde wohl eine punktweise Abstimmung verlangen, damit wenigstens die Forderung zur Prüfung geeigneter Standorte angenommen werde. Denn für den Berner Oberländer ist klar: «Das gesamte Postulat bringe ich nicht durch, da mache ich mir keine Illusionen.» 

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