01.08.2020 17:22

«Ausbau muss national Priorität werden»

Grünliberale wollen für 5G Antennen-Grenzwerte kippen

Die GLP will mit Ängsten um 5G aufräumen – und den sogenannten Anlagegrenzwert abschaffen. Ärzte sind alarmiert.

von
Pascal Michel
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Telecomanbieter drängen schon seit längerem darauf, Anlagegrenzwerte für 5G-Antennen zu lockern.

Telecomanbieter drängen schon seit längerem darauf, Anlagegrenzwerte für 5G-Antennen zu lockern.

KEYSTONE
Sie argumentieren, dass ansonsten 26’500 zusätzliche Antennen gebaut werden müssten. Kostenpunkt: 7,7 Milliarden Franken.

Sie argumentieren, dass ansonsten 26’500 zusätzliche Antennen gebaut werden müssten. Kostenpunkt: 7,7 Milliarden Franken.

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Beim Bundesrat fanden sie bisher aber kein Gehör. Die entsprechende Expertengruppe konnte sich in ihrem Bericht im April nicht auf eine Empfehlung einigen.

Beim Bundesrat fanden sie bisher aber kein Gehör. Die entsprechende Expertengruppe konnte sich in ihrem Bericht im April nicht auf eine Empfehlung einigen.

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Darum gehts

  • Die GLP wagt einen neuen Anlauf, Anlagegrenzwerte abzuschaffen.
  • Damit könne endlich 5G flächendeckend ausgebaut werden.
  • Die Anlagegrenzwerte seien nicht wissenschaftlich begründet.
  • Für Strahlengegner ist dies der falsche Weg.
  • Sie sehen andere Optionen, um bei 5G ohne eine Aufweichung vorwärtszumachen.

Die Telecomanbieter drängen darauf, die Anlagegrenzwerte für 5G-Antennen zu lockern (siehe Box). Denn im Vergleich zu den Nachbarländern sind die Werte für die Strahlung von Antennen in der Schweiz deutlich strenger. Die Begründung für eine Lockerung: Ansonsten müssten sie 26’500 zusätzliche Antennen bauen und 5000 Standorte nachrüsten. Die Kosten schätzen die Anbieter auf 7,7 Milliarden Franken. Bei einer Anhebung der Grenzwerte jedoch reichten weniger starke 5G-Antennen. Konkret: 7500 zusätzliche Anlagen reichen, Kostenpunkt: «nur» 3,2 Milliarden Franken.

Beim Bundesrat fanden sie bisher aber kein Gehör. Die entsprechende Expertengruppe konnte sich in ihrem Bericht im April nicht auf eine Empfehlung einigen. Der Bundesrat beschloss, die Anlagegrenzwerte nicht zu lockern.

Grünliberale machen Druck

Jetzt nehmen die Grünliberalen einen neuen Anlauf dazu. «Der Ausbau von 5G muss eine nationale Priorität werden», sagt Tobias Vögeli, Präsident der Jungen Grünliberalen. Die Partei hat dazu ein neues Positionspapier verfasst.

«Wir brauchen eine solide Infrastruktur bis ins entlegenste Dorf. Jede und jeder soll eine hervorragende Internetverbindung haben», so Vögeli. 5G sei für den wirtschaftlichen Erfolg in Zukunft entscheidend. Er betont, statt stets auf Ängste zu fokussieren, müsse man die Chancen und Fakten von 5G ins Zentrum stellen: «Als im frühen 19. Jahrhundert die ersten Eisenbahnstrecken eröffnet wurden, gab es die Angst, dass bei solch hohen Geschwindigkeit die Augen beschädigt würden», so Vögeli.

Deshalb sollen laut den Jungen Grünliberalen die Grenzwerte den «neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen» angepasst werden. Dabei verweisen sie auf den Expertenbericht des Bundes.

Swisscom unterstützt den Vorstoss

Um den Ausbau von 5G nun rasch voranzutreiben, will GLP-Nationalrätin Katja Christ in der nächsten Session eine Motion einreichen, die auf die Aufhebung der Anlagegrenzwerte zielt. «Dem Anlagegrenzwert fehlt die wissenschaftliche Rechtfertigung, was den Ausbau der 5G-Technologie bremst und Milliarden kostet», schreibt sie in der Motion.

Sie warnt davor, dass die Schweiz den Anschluss bei der Zukunftstechnologie verpasst. «Es gibt bisher keinen einzigen Beweis, dass Strahlung unter Einhaltung des ohnehin geltenden Immissionsgrenzwerts schädlich ist.» Sie hofft, dass 5G auch der Nachhaltigkeit im Bereich Landwirtschaft und Tierschutz Fortschritte bringt.

Die Swisscom unterstützt den Vorstoss: «Die aktuellen Anlagegrenzwerte haben zur Folge, dass in urbanen Gebieten über 90 Prozent der Mobilfunkanlagen nicht mehr für den Ausbau mit 5G zur Verfügung stehen», sagt Sprecherin Annina Merk.

«Grenzwerte kämen allgemein unter Druck»

Kein Verständnis für das Vorpreschen der Grünliberalen hat Markus Durrer von Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz. Mit der Idee der Grünliberalen würde auf vorsorgliche Emissionsbegrenzungen verzichtet, welche das Umweltschutzgesetz vorschreibt. «Damit kämen auch viele andere Grenzwerte für Emittenten aus Industrie, Verkehr und Landwirtschaft unter Druck.» Er fragt: «Versteht die GLP das als grüne Politik?»

Durrer weist weiter darauf hin, dass in Bundesbern zwei Postulate zum Thema Nachhaltigkeit und 5G (hier und hier) hängig sind. «Bevor man also einen raschen Ausbau von 5G fordert, sollte gerade eine Partei, welche sich als grün bezeichnet, zuerst diese Berichte abwarten.»

Für Durrer ist klar, dass die bestehenden Grenzwerte die Digitalisierung und 5G nicht verhindern. Die Betreiber müssten dafür jedoch ihre Strategie ändern: Statt mit starken Antennen auch Innenräume durch Mauern hindurch zu versorgen, sollten diese sich auf Aussenräume beschränken, wodurch deren Strahlung gar reduziert werden könne. «Innenräume sollten durch Indoor-Anlagen versorgt werden», sagt der Elektroingenieur. Heute werde 70 bis 80 Prozent des Datenvolumens für Nutzer in Innenräumen gebraucht. «Mit einer Glasfaserversorgung von Gebäuden würden diese Ressourcen bei den Aussenantennen frei – und die Anlagegrenzwerte könnten gar gesenkt werden.»

Grenzwerte

Der Anlagegrenzwert regelt, wie stark die Strahlung von einer einzelnen Anlage an Orten, an denen sich Personen länger aufhalten, sein darf, etwa in Wohnungen. Es handelt sich um Vorsorgegrenzwerte. Sie sind nicht wissenschaftlich oder medizinisch begründet und deutlich tiefer als die Immissionsgrenzwerte. Sie wurden aufgrund des Umweltschutzgesetzes festgelegt, um vor potenziell schädlicher Strahlung zu schützen.

Die Immissionsgrenzwerte hingegen schützen in der Schweiz vor wissenschaftlich anerkannten Gesundheitsschäden durch Strahlung. Sie sind international harmonisiert und berücksichtigen jegliche niederfrequente oder hochfrequente Strahlung an einem Ort. Sie müssen auch dort eingehalten werden, wo sich Menschen nur kurz aufhalten.

Das sagt der Experte

Für Martin Röösli, Umweltepidemiologe am Schweizerischen Tropeninstitut, ist die Anhebung des Anlagegrenzwerts ein politischer Entscheid. Er hat am Expertenbericht des Bundes mitgearbeitet. Röösli weist darauf hin, dass die grösste Strahlung das eigene Mobiltelefon verursache. Und da könne das Festhalten am Anlagegrenzwert indirekt einen positiven Effekt haben: «Ohne eine Anpassung braucht es viele zusätzliche Antennen. Damit muss das Mobiltelefon weniger weit senden und strahlt weniger», so Röösli. Aber auch die Installation von weniger, dafür stärkeren adaptiven 5G-Antennen könne die Strahlung vom eigenen Telefon reduzieren, weil durch das bessere Signal das Telefon ebenfalls weniger strahle.

Natürlich sei es schwierig, historische Vergleiche wie jener zur Angst vor der Eisenbahn zu ziehen, sagt Röösli. Genauso gut könne man als negatives Gegenbeispiel die zuerst unbekannten Gesundheitsschäden durch Asbest nennen. «Wenn wir wirklich die Strahlenbelastung reduzieren wollen, müssen wir aber bei den Geräten ansetzen», sagt Röösli. Er nennt etwa die Benutzung von Headsets oder Anreize zu setzen, damit das exponentielle mobile Datenwachstum gebremst werde.

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83 Kommentare
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Wechselwähler

02.08.2020, 17:43

Die grüne Farbe der GLP scheint zu verblassen.

Drystan

02.08.2020, 16:24

Ich finde bevor man über 5G redet sollte man Glasfaser weiter ausbauen danach solte man über 5G sprechen

mips

02.08.2020, 13:19

Martin Rööslis Aussage im Artikel, dass Handynutzer durch ihr Handy stärker bestrahlt werden, als durch die Antenne im Quartier, ist für Vielnutzer korrekt. Er blendet aber aus, dass die Belastung durch Handy, Tablets, WLAN, Wearable Computing usw. nicht der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) unterstellt sind und bei diesen Geräten deshalb das Vorsorgegebot des Umweltschutzgesetzes nicht greift. Auch nutzt niemand die Handys während seines Schlafes und jeder kann selber entscheiden, ob und wie er ein Handy nutzt, jedoch nicht, ob eine Mobilfunkantenne im Quartier ihn bestrahlt. Die Grenzwerte berücksichtigen nur thermische Wirkung der Funkstrahlung, nichtthermische Effekte sind aber längst wissenschaftlich auch nachgewiesen.