«Güselmordfall»: Mildes Urteil - Mutter brach zusammen
Aktualisiert

«Güselmordfall»: Mildes Urteil - Mutter brach zusammen

Mildes Urteil für den Schweizer Täter, der die schwangere Aargauerin Nicole B. in Fehraltorf brutal getötet hat. Wegen fehlender Tatzeugen und einem günstigen psychiatrischen Gutachten kam er mit einer Strafe von neun Jahren davon.

Der alles entscheidende Punkt des Mordprozesses war die Tatsache, dass der heute 34-jährige Angeklagte der einzige Tatzeuge war. So beruhte bereits die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft alleine auf dessen nicht widerlegbaren Angaben. Demnach hatte der Lokomotivführer, der früher Polizist werden wollte, die geschädigte Aargauerin Nicole B. bereits im Sommer 2005 im Internet kennen gelernt. Obwohl der Beschuldigte mit einer festen Lebenspartnerin liiert war, suchte er damals anderweitige sexuelle Kontakte. Und fand sie bei der 28-jährigen Pflegerin Nicole B., die sich nebenbei auch als heimliche Liebesdienerin betätigte.

Streit wegen Schwangerschaft

Der Freier traf das spätere Opfer, wobei es zu mehreren sexuellen Kontakten kam. Als die Aargauerin im August 2005 ihrem Liebhaber mitteilte, dass sie von ihm ein Kind erwarte, brach der Täter zunächst alle Kontakte ab. Allerdings meldete er sich wieder am 6. Dezember 2005 und machte mit der inzwischen im fünften Monat schwangeren Bekannten in Dietikon ab.

Einschätzung des Gerichtsexperten Attila Szenogrady: «12 Jahre sind realistisch.»

Fest steht, dass der Angeklagte seine Kollegin zu einer Fahrt nach Fehraltorf einlud. Wobei es bereits im Personenwagen des Täters zu ersten Streitigkeiten wegen der Zukunft kam. Während sich Nicole B. auf ihren Sohn freute, wollte der mutmassliche Vater nichts mit dem Nachwuchs zu tun haben.

Mit Rundholz brutal niedergeschlagen

Sicher ist, dass der Angeklagte in Fehraltorf in einem Waldstück anhielt und ausstieg. Gefolgt von Nicole B.. Als er sie als „billige Nutte ohne Verstand" bezeichnete, eskalierte die Situation. Sie schubste ihn, worauf er zu einem Rundholz griff und die Geschädigte mit mehreren Schlägen auf den Kopf brutal niederknüppelte. Ob die junge Frau schon damals tot war, ist bis heute unklar. Fest steht, dass der Täter sein Opfer mit dem ungeborenen Kind in Hinwil in die Kehrrichtverbrennung warf und so entsorgte. Nachdem er sich wenige Tage später aus Gewissensbissen freiwillig der Polizei gestellt hatte, konnten Spezialisten in der Schlacke nur noch wenige Knochen und eine stark geschrumpfte Niere der getöteten Frau sicherstellen.

17 Jahre wegen Mordes verlangt

Vor Gericht verkaufte sich der ehemalige Grenzwächter mit bestem Leumund gut und zeigte aufrichtige Reue. Er sei selber erschrocken, über das, was er getan habe, erklärte er. Der Staatsanwalt sprach dagegen von einem grausamen Mord, bei welchem der Täter eine schwangere Frau „wie einen Hund" zu Tode geschlagen habe. Hinzu komme ein strafbarer Schwangerschaftsabbruch sowie versuchte Störung des Totenfriedens. Versucht, da bis heute nicht gesichert sei, ob Nicole B. bis zur Verbrennung noch gelebt habe. 17 Jahre Freiheitsstrafe seien angemessen.

Mordvorwurf zurückgewiesen

Der Verteidiger Markus Hug stellte einen Gegenantrag auf sechs Jahre, stellte einen Mord in Abrede und ging von einer eventual-vorsätzlichen Tötung aus. Ihm zu Hilfe kam ein psychiatrisches Gutachten. Dieses stützte sich mangels Tatzeugen auf die Angaben des Angeklagten ab und ging bloss von einer spontanen Kurzschlussreaktion des Täters während eines Streites aus. Zudem attestierte der Gutachter dem Angeschuldigten eine mindestens mittelgradige Verminderung der Schuldfähigkeit.

Deutliche Strafsenkung dank Gutachten

Das Obergericht folgte den Anträgen des Verteidigers und schloss einen Mord trotz der brutalen Tatbegehung aus. Die Oberrichter vertraten einhellig die Auffassung, dass dem Angeschuldigten keine geplante Beseitigungstat nachgewiesen werden könne. Allerdings liege eine direkte vorsätzliche Tötung vor.

Das Gutachten führte zu einer deutlichen Strafsenkung auf noch neun Jahre Freiheitsstrafe. Die Richter hielten zudem dem Ersttäter zugute, dass er sich freiwillig gestellt hatte. Sonst wäre der Kriminalfall wohl kaum gelöst worden, erklärte einer der Oberrichter.

Der Mutter des Opfers, welche am Schluss der Verhandlung einen Zusammenbruch erlitt, wurde eine Genugtuung von 70 000 Franken zugesprochen. Der Vater von Nicole B. erhielt ein Schmerzensgeld von 40 000 Franken. Ein Bruder 5000 Franken.

Attila Szenogrady, 20minuten.ch

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