Aktualisiert 12.01.2013 16:29

Abfahrt in St. AntonGut nur auf Platz 38 - Gisin beste Schweizerin

Die Schweizerinnen können bei der Abfahrt in St. Anton nicht um den Sieg mitfahren. Dominique Gisin wird als beste Schweizer Sechste. Alice McKennis feiert ihren ersten Weltcup-Sieg.

Dominique Gisin fuhr exakt dieselbe Zeit wie die Amerikanerin Lindsey Vonn, was normalerweise Gewähr bietet, mindestens auf dem Podium zu stehen. Diesmal allerdings reichte dies nicht. 18 Hundertstel fehlten der Engelbergerin auf die drittplatzierte Österreicherin Anna Fenninger, und auch nur 0,34 Sekunden lag die Innerschweizerin nach einem sehr engen Rennen letztlich hinter der völlig überraschenden Siegerin Alice McKennis, die vor der Italienerin Daniela Merighetti (im Vorwinter Abfahrts-Siegerin in Cortina) und der Österreicherin Anna Fenninger gewann.

‹Who the f... is Alice?›, mögen sich viele gefragt haben, den Gassenhauer der Neunziger-Jahre im Ohr. Wenn jemand, der bisher mit einem 7. Rang als bestem Ergebnis zu Buche stand, alle hinter sich lässt, ist dies gewiss als aussergewöhnlich zu werten. Alice McKennis hatte wohl kaum einer auf der Rechnung. Als sie mit der Startnummer 4 mit Bestzeit ins Ziel fuhr, dachte nicht einmal sie selber daran, dass sie auch am Ende vorne bleiben würde. «Ich bin völlig überrascht», gab die 23-Jährige Aussenseiterin offen zu.

Gisins verhängnisvoller Patzer

Möglich machte die Sensation nicht zuletzt auch der Wetterumschwung. Nachdem am Donnerstag im einzigen Training die ruppige Strecke Karl Schranz viele Fahrerinnen ans absolute Limit geführt hatte, wurde die Aufgabe durch die Schneefälle massiv entschärft. «Im Vergleich zum Donnerstag war das eine völlig andere Welt, vom Fahrgefühl wähnte man sich fast auf einer Touristenpiste», umschrieb es Dominique Gisin. Sie war mit ihrem 6. Rang letztlich zufrieden, wenngleich sie der Fehler im untersten Bereich besonders ärgerte: «Ich habe diese Kurve völlig verpasst.» Bei der letzten Zwischenzeit hatte sie noch auf Platz 2 gelegen, nur 12 Hundertstel hinter Alice McKennis. Der Patzer kostete sie vier Ränge.

Dominique Gisin war die einzige Schweizerin in den Top 10. Fränzi Aufdenblatten (11.) und Nadja Kamer (12.) verpassten diese Hürde indes nur ganz knapp. Aufdenblatten war eine der wenigen, die sich mit einer höheren Nummer in vordere Regionen schieben konnte. «Die 27 war sicher kein Vorteil. Es gab schon viele Spuren und der Eisfall lag noch mehr im Schatten als ohnehin», sagte sie, zufrieden auch darüber, dass sie an ihren guten 6. Platz vom Dezember in Val d'Isère anschliessen konnte, «das war erneut ein Schritt in die richtige Richtung.» Ähnlich wertete Nadja Kamer ihr Abschneiden. «An diesem Berg kann ich kaum etwas reissen», hatte sie nach dem Training gesagt, beeindruckt von der Schwere der Aufgabe. Das nach dem Rennen durfte sie feststellen: «Überwinden musste man sich nicht.»

«Es war ganz anders als im Training»

Die völlig veränderten Bedingungen spielten Lara Gut nicht in die Karten. Dass es ihr dann aber lediglich zu Platz 38 reichen würde, geschlagen von allen ihren Teamkolleginnen, kam einer grösseren negativen Überraschung gleich. «Es war ganz anders als im Training. Diese Umstellung habe ich nicht geschafft. Praktisch in jeder Kurve musste ich nachdrücken. Das ist schon sehr enttäuschend», ärgerte sich die Tessinerin, die in Val d'Isère bei der zuvor letzten Abfahrt Mitte Dezember noch als grosse Siegerin gejubelt hatte.

Die US-Siegerliste wird immer länger

Diesmal triumphierte Alice McKennis - nach Lindsey Vonn, Ted Ligety, Steven Nyman und Mikaela Shiffrin schon der fünfte amerikanische Name in den Siegerlisten dieses Winters. Die 23-Jährige wusste wohl nicht so richtig wie ihr geschah, als sie im Ziel umarmt wurde von Lindsey Vonn, der nach dreiwöchiger Rennpause der 6. Platz blieb. Nicht der grosse Star der Equipe durfte für einmal die grosse Aufmerksamkeit geniessen, sondern Alice McKennis, ein Western-Girl, aufgewachsen auf einer Ranch in Glenwood Springs im US-Bundesstaat Colorado, das früh durch einen Autounfall seine Mutter verlor.

Mit Pferden gross geworden, versuchte sich Alice McKennis einst auch als Reiterin, in den Sparten Springen, Cross-Country und Dressur. Doch die grösseren Erfolge bescherte ihr der Skirennensport. An den Junioren-Weltmeisterschaften 2008 fehlten ihr nur zwei Hundertstel zu einer Medaille. Geschlagen wurde sie damals unter anderen von Lara Gut, die damals die Silbermedaille gewann.

Weltcup-Debüt 2009

Im Weltcup machte Alice McKennis im Dezember 2009 erstmals so richtig von sich reden. In der Abfahrt von Lake Louise fuhr sie mit Nummer 49 auf Platz 18, tags darauf gelang ihr mit Nummer 50 der Sprung auf Rang 10. In diesem Stil ging es aber nicht weiter. Vor zwei Jahren erlitt sie einen Bruch des Schienbein-Plateaus, aber schon im Winter danach liess sie weitere Top-10-Resultate folgen. Beim Finale in Schladming, wo schon bald um den WM-Titel gekämpft wird, gelang ihr mit Platz 7 ihre bis zum Samstag beste Leistung. In St. Anton übertrumpfte sie aber sich selbst: «Ein Traum ist wahr geworden. Nie hätte ich gedacht, dasss ich hier gewinnen kann.»

St. Anton. Weltcup-Abfahrt der Frauen. Stand nach 35 Fahrerinnen:

1. Alice McKennis (USA) 1:14,62.

2. Daniela Merighetti (It) 0,07 zurück.

3. Anna Fenninger (Ö) 0,16.

4. Tina Maze (Sln) 0,30.

5. Laurenne Ross (USA) 0,32.

6. Dominique Gisin (Sz), Lindsey Vonn (USA) 0,34.

8. Marion Rolland (Fr) 0,49.

9. Tina Weirather (Lie) 0,61.

10. Fränzi Aufdenblatten (Sz) 0,73.

11. Nadja Kamer (Sz) 0,80.

Ferner:

14. Julia Mancuso (USA) 0,88.

18. Maria Höfl-Riesch (De) 0,99.

20. Fabienne Suter (Sz) 1,04.

25. Andrea Dettling (Sz) 1,47.

27. Mirena Küng (Sz) 1,60.

34. Lara Gut (Sz) 2,03.

Ausgeschieden u.a.: Marianne Kaufmann-Abderhalden (Sz). (si)

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