Unterbewusste Befangenheit: Gute Ideen machen blind für bessere
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Unterbewusste BefangenheitGute Ideen machen blind für bessere

Wer einmal eine Lösung gefunden hat, belässt es häufig dabei. Dies aber nicht, weil der Mensch zu bequem ist, über Alternativen nachzudenken.

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Der sogenannte Einstellungseffekt wurde in den 1940er-Jahren entdeckt und ist einer der Gründe dafür, wieso wir auf bekannte Vorgehensweisen setzen.

Der sogenannte Einstellungseffekt wurde in den 1940er-Jahren entdeckt und ist einer der Gründe dafür, wieso wir auf bekannte Vorgehensweisen setzen.

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Mithilfe einer kniffligen Schach-Situation haben Forscher nun nachgewiesen, dass Menschen nach einer guten Idee blind für - allenfalls bessere - Alternativen sind.

Mithilfe einer kniffligen Schach-Situation haben Forscher nun nachgewiesen, dass Menschen nach einer guten Idee blind für - allenfalls bessere - Alternativen sind.

Keystone/Alessandro Della Valle
Diese Befangenheit ist laut den Wissenschaftlern in vielerlei Bereichen problematisch. So könnten beispielsweise Ärzte falsche Diagnosen stellen, weil sie andere Optionen nicht sehen.

Diese Befangenheit ist laut den Wissenschaftlern in vielerlei Bereichen problematisch. So könnten beispielsweise Ärzte falsche Diagnosen stellen, weil sie andere Optionen nicht sehen.

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Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das gilt auch dann, wenn es darum geht, Probleme zu lösen und Aufgaben zu bearbeiten. «Unser Gehirn bevorzugt in der Regel eine bekannte, vertraute Lösung, statt auf Alternativen zu kommen», sagt Merim Bilali von der Alpen-Adria-Universität im österreichischen Klagenfurt. Experten nennen das Einstellungseffekt (siehe Box 1).

In den Experimenten, die er gemeinsam mit seinen Kollegen durchführte, konnte Bilali nun zeigen, dass die Teilnehmer andere Möglichkeiten nicht nur nicht ins Auge fassten, sondern regelrecht blind für sie waren.

Alles andere wird ausgeblendet

Für die Studie konfrontierte der Psychologe professionelle Schachspieler mit einer Situation, in der sie ein sogenanntes ersticktes Matt (siehe Box 2) durchführen konnten. Alternativ konnten sie das Spiel auch dann für sich entscheiden, wenn sie eine weniger vertraute, aber nur dreischrittige Strategie wählten. Trotz dieser Option entschieden sich die meisten Teilnehmer für die bekannteren Spielzüge.

Weil in den darauffolgenden Interviews nicht geklärt werden konnte, warum sie das taten, entschieden sich die Forscher, das Experiment zu wiederholen und dabei die Augenbewegungen der Probanden mit einer Infrarotkamera aufzuzeichnen.

Umdenken ist erforderlich

Dabei zeigte sich, dass die Spieler die Optionen nicht etwa ignorierten, sondern wirklich nicht sahen, so Bilali: «Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes blind für die alternativen, aber besseren Lösungen.» Sie blickten demnach nicht von den Feldern weg, die sie für das erstickte Matt identifiziert hatten, obwohl sie behaupteten, über andere Wege nachgedacht zu haben. Die neu untersuchten Wege waren offensichtlich nur Variationen der schon gefundenen langen fünfschrittigen Lösung.

Diese Herangehensweise ist laut Bilali in vielen Bereichen problematisch. So könnten etwa Ärzte falsche Diagnosen stellen und Richter eher so entscheiden, wie sie es in vergangenen Fällen getan haben. Deshalb fordert der Psychologe, sich künftig seine Fehler bewusst zu machen. Nur so lasse sich das Denken – und Handeln – verbessern.

Der Einstellungeffekt

Das Phänomen ist seit Anfang der 1940er-Jahre bekannt. Damals führte US-Psychologe Abraham Luchins Experimente mit verschieden grossen Wassergläsern durch: Die Teilnehmer mussten diese mit dem Ziel umschütten, am Ende 100 Einheiten in einem Glas zu haben. Der Weg dazu umfasste drei Schritte. Als man ihnen nun einfachere Aufgaben zu lösen gab, versuchten sie trotzdem den komplizierteren dreischrittigen Weg.

Ersticktes Matt

Der Begriff stammt aus dem Schachspiel. Damit bezeichnet man eine Situation, in der ein König dem Schachgebot eines Springers nicht ausweichen kann, weil er vollständig von eigenen Figuren umgeben ist. Wenn dieser Springer nicht geschlagen werden kann, so ist der König schachmatt. Er ist gewissermassen in seiner beengten Umgebung erstickt.

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