Aktualisiert 14.03.2013 11:40

Nervige Food-BloggerGuten Appeklick!

Bestellen, Foto schiessen und dann speisen: Das Verhalten vieler Social-Media-User zwang ein Gourmet-Restaurant in den USA zum Fotoverbot - in der Schweiz freut man sich über solche Gäste.

von
lis

«Ich esse gerade einen megafeinen Salat im megateuren Sterne-Restaurant!» Sätze wie diese finden sich – gepaart mit Kulinarikfotos – haufenweise in der Social-Media-Welt. Jeder kennt mindestens eine Person, die nicht nur jeden Schritt auf Facebook, Twitter und Instagram dokumentiert, sondern seine Freunde und Follower auch ungefragt an der Nahrungsaufnahme teilhaben lässt. Egal, ob dies nun ein selbst gemachtes Curry ist oder die Spezialität des Hauses im Nobelrestaurant.

Was höchstens das eigene Mami interessant findet («Oh, toll, das Kind isst etwas!»), geht den meisten jedoch auf den Keks. Vor allem den Tischnachbarn. Oder haben Sie sich schon mal gedacht: «Wie schön, der neben mir fotografiert sein Menü zum dreiundzwanzigsten Mal mit einem grellen Blitz»? Wohl eher nicht.

Fotoverbot in Sterne-Restaurant

Diese Erfahrung musste auch eine Besucherin des Momofuku Ko (USA) machen: «Es war mir megapeinlich, als mich der Geschäftsführer darum bat, das Handy doch bitte wegzulegen», berichtet sie anonym der New York Times. Was die ahnungslose Dame nicht wusste: Essen fotografieren ist in diesem Sterne-Restaurant verboten.

Das Warum liegt auf der Hand: Die anderen Gäste sollen nicht gestört werden. Was sich engstirnig anhört, ist meist aber nur die Antwort auf so manche Auswüchse. So gibt es laut Insidern gelegentlich auch Gäste, die auf ihren Stuhl steigen, um die Vorspeise in perfekter Vogelperspektive einzufangen.

«Wir freuen uns darüber!»

Im Hiltl in Zürich hält man nichts von einem Verbot: «Wenn jemand schnell das iPhone zückt, um sein Essen zu fotografieren, dann werden wir dies bestimmt nicht unterbinden», so Marketingleiterin Marsha Lehmann. «Schliesslich bedienen wir ja unsere Fans und Follower auf sämtlichen Social-Media-Kanälen selbst mit Teller-Bildern.» Problematisch würde es erst werden, wenn die Besucher durchs Restaurant laufen und die Teller der anderen Gäste fotografieren, «aber solange niemand gestört wird – und bislang hat sich niemand beschwert – haben wir nichts dagegen».

Ähnlich sieht es Cherni Sassi, Chefkoch vom Restaurant Lötschberg in Bern: «Wenn unsere Gäste das angerichtete Essen so schön finden, dass sie es fotografieren wollen, dann haben wir selbstverständlich kein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Das freut uns!»

«Nicht unhöflich, aber provinziell»

Hans-Michael Klein, Leiter der Knigge-Akademie bei Paderborn und Vorsitzender der Deutschen Knigge-Gesellschaft, hat eine etwas andere Meinung: «Wer im Restaurant seinen Teller fotografiert, sendet die Botschaft: ‹Ich komme aus Hinterpfupfingen und bin erstmals in Kontakt mit der grossen weiten Welt›». Eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Luxusgütern zeige Stil und Niveau. «Unhöflich» wäre das Verhalten an und für sich jedoch nicht – «aber letztlich provinziell», kommentiert der Knigge-Experte das Fotografieren von Essen in Restaurants in einem Unternehmermagazin.

Der Chefkoch vom Mesa in Zürich, Antonio Colaianni, kann mit den Restaurant-Paparazzi leben, solange sich das Geknipse in Grenzen hält: «Zurzeit blitzen etwa zwei bis drei Tische pro Abend auf. Solange sich das nicht häuft, müssen wir auch nichts unternehmen. Und ehrlich gesagt: Ich empfinde es störender, wenn ein Gast während dem Essen telefoniert, als wenn er es fotografiert.» Allerdings seien auch viele Hobbyfotografen unterwegs, die sich Food-Blogger nennen, vom eigentlich Essen aber nicht wirklich Ahnung haben: «Aber Hauptsache, sie haben ein schönes Bild von ihrem Essen geschossen», so Colaianni.

Fotografieren Sie auch Ihr Essen im Restaurant? Oder finden es ein unmögliches Verhalten? Nerven Sie die Bilder auf Twitter, Facebook und Co.? Schreiben Sie Ihre Meinung ins Kommentarfeld!

Fotokurse für Essensfotografen

Damit die Food-Bilder der Besucher ganz sicher schön werden, darum bemüht sich besonders ein Restaurant: Das Taller Gourmet in Spanien bietet für seine Ankömmlinge extra einen Fotokurs an, der ihnen zeigen soll aus welchem Winkel die Paella am schönsten aussieht. Der Gedanke dahinter: Wenn unsere Gäste schon ihre Teller fotografieren, dann soll das Bild wenigstens schön sein. Denn wer will schon ein Foto von einer rangezoomten, halb aufgegessenem Reispfanne sehen?

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