19.06.2019 08:03

Kein Abschluss

Gymi-Druck macht Tausende zu Verlierern

Über zehn Prozent der jungen Erwachsenen haben weder eine Matura noch einen Lehrabschluss. Viele wollten zu hoch hinaus, sagt ein Bildungsökonom.

von
B. Zanni
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Insbesondere in Kantonen mit hoher Maturitätsquote zeigt sich laut Bildungsökonom Stefan C. Wolter, dass viele Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit durch die Maschen fallen.

Insbesondere in Kantonen mit hoher Maturitätsquote zeigt sich laut Bildungsökonom Stefan C. Wolter, dass viele Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit durch die Maschen fallen.

Giuseppe Lombardo
Grund ist laut Wolter der grosse Gymi-Druck. «Obwohl sie nicht oder noch nicht bereit sind fürs Gymi, versuchen sie es, scheitern und versuchen es vielleicht nochmals vergeblich.»

Grund ist laut Wolter der grosse Gymi-Druck. «Obwohl sie nicht oder noch nicht bereit sind fürs Gymi, versuchen sie es, scheitern und versuchen es vielleicht nochmals vergeblich.»

Keystone/Christian Beutler
Fatal sei, dass sie auch danach keine realistische Alternative ins Auge fassten, so Wolter.

Fatal sei, dass sie auch danach keine realistische Alternative ins Auge fassten, so Wolter.

Keystone/Marcel Bieri

Um jeden Preis wollen viele Schweizer Schüler ins Gymi. Mit über 20 Prozent hatten 2016 laut dem Bundesamt für Statistik bereits mehr junge Erwachsene eine gymnasiale Matura in der Tasche als eine Berufsmatura (15,4 Prozent). Doch der Hype um das Gymi fordert auch viele Verlierer.

Nahezu doppelt so viele 19-Jährige verfügten 2014/2015 im Vergleich zu 2010/2011 über keinen Abschluss der Sekundarstufe II, also weder über eine Matura noch einen Lehrabschluss. Auch geht aus der neusten Erhebung der ch-x-Studie des Bundes hervor, dass mit elf Prozent mehr als jeder zehnte junge Erwachsene keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II im Sack hat. Genauso wenig befinden sie sich in einer solchen Ausbildung.

«Je mehr Gymiabschlüsse, desto mehr Misserfolge»

«Je mehr junge Erwachsene eine gymnasiale Maturität haben, desto höher ist die Misserfolgsquote bei den Abschlüssen auf Sekundarstufe II», sagt Stefan C. Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern. Insbesondere in Kantonen mit hoher Maturitätsquote zeige sich, dass viele Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit durch die Maschen fielen.

Grund ist laut Wolter der grosse Gymi-Druck. «Obwohl sie nicht oder noch nicht bereit sind fürs Gymi, versuchen sie es, scheitern und versuchen es vielleicht nochmals vergeblich.» Fatal sei, dass sie auch danach keine realistische Alternative ins Auge fassten. «So wählen sie Lehrberufe, die ihnen nicht entsprechen, scheitern erneut und stehen am Ende ohne Abschluss da.» Insbesondere Schüler, die Migranten der ersten Generation seien, strebten einen Gymiabschluss an. «Ihre Eltern setzen auf eine hohe Allgemeinbildung, weil sie die Berufslehre in ihrem Herkunftsland nicht kannten.»

«Berufslehre ist eine Horrorvorstellung»

Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, teilt die Einschätzungen. «Einige Eltern pushen ihr Kind ins Gymi, weil sie unser Bildungssystem nicht kennen und ihr eigenes Kind in einer Berufslehre für sie eine Horrorvorstellung ist», sagt er. Manche Schüler wollten sich nicht von ihren Kollegen trennen oder hätten Angst, ohne Gymibesuch als weniger klug zu gelten.

«Besonders tragisch sind Fälle, in denen Schüler kurz vor der Matura scheitern und wegen des Misserfolgs derart gefrustet sind, dass sie auf keine grünen Zweig mehr kommen», sagt Zemp. Andere erfolglose Gymischüler blieben auf der Strecke, weil sie sich bei der Lehrstellensuche zu hohe Ansprüche stellten und dann erneut scheiterten.

Die Forscher des Forschungskonsortiums Young Adult Survey Switzerland, das die ch-x-Studie erhoben hat, beunruhigen die Ergebnisse. «Wenn sich dieser Trend mit jungen Erwachsenen ohne Abschluss auf der Sekundarstufe II fortsetzt, ist das gesellschaftlich hochalarmierend», sagt Stephan Gerhard Huber, Leiter des Konsortiums. Menschen ohne Schulabschluss hätten höhere Risiken. «Sie greifen eher zu Suchtmitteln, sind weniger idealistisch orientiert und engagieren sich weniger für das Gemeinwohl.»

Mehr Gewicht für Berufswahl

«Als Gesellschaft in der Schweiz brauchen wir Leute, die Lust auf die Zukunft haben und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen wollen», sagt Huber. Zudem hätten sie es sehr schwer auf dem Arbeitsmarkt. «Bildung ist wichtig für die Chancen des Einzelnen wie auch für die Gesellschaft insgesamt mit steigenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt.»

Die Schulen packen das Problem an. «Die Berufsorientierung bekommt im Lehrplan 21 mehr Gewicht», sagt Beat W. Zemp. Auch Schüler, die ein Gymnasium oder eine andere weiterführende Schule anstrebten, müssten sich mit der Berufswahl auseinandersetzen. «Lehrpersonen werden zudem Eltern weiterhin klarmachen, dass das Gymi nicht der der einzige Weg ist, im Leben glücklich zu werden.» Es gelte, die Durchlässigkeit des heutigen Schulsystems besser aufzuzeigen. «Dank durchlässigen Bildungswegen kann heute ein gelernter Maurer in der Schweiz sogar Professor werden, wenn er die nötigen Fähigkeiten mitbringt.»

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