Aktualisiert 02.09.2015 11:28

Schweizweit gleiche Prüfung

Gymi-Rektoren entsetzt über Zentralmatur-Idee

Eine Umfrage kommt zum Schluss, dass Schweizer eine einheitliche Matur wünschen. Die Gymnasien sind alles andere als begeistert von dieser Idee.

von
ann
In der Schweiz kann jedes Gymnasium seine eigenen Maturaprüfungen kreieren. Theoretisch dürfte gar jeder Lehrer seine Tests entwerfen. Darum wollen laut einer Studie 86,6 Prozent der befragten Schweizer einheitliche Prüfungen für das ganze Land.

In der Schweiz kann jedes Gymnasium seine eigenen Maturaprüfungen kreieren. Theoretisch dürfte gar jeder Lehrer seine Tests entwerfen. Darum wollen laut einer Studie 86,6 Prozent der befragten Schweizer einheitliche Prüfungen für das ganze Land.

Keystone/AP/Lennart Preiss

In der Schweiz gibt es rund 170 Gymnasien und kantonale Mittelschulen, an denen man eine eidgenössische Maturitätsprüfung ablegen kann. Je nach Kanton, Gymnasium oder gar Lehrer kann theoretisch ein Schüler eine andere Maturprüfung machen als sein Gspänli in der Parallelklasse oder im benachbarten Gymi.

Dies scheint vielen Schweizern etwas zu viel Freiheit für so ein wichtiges Diplom zu sein. Denn bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag von Bund und Kantonen hat sich eine überwältigende Mehrheit von 86,6 Prozent der Befragten für eine schweizweit einheitliche Abschlussprüfung ausgesprochen, schreibt die NZZ.

«Das würde die Qualität senken»

In den Gymnasien sorgt dieses Ergebnis für Entsetzen. «Wir denken alle mit Grauen an eine Zentralmatur», sagt Rektor Thomas Rätz vom Gymnasium Liestal im Kanton Baselland. Rätz befürchtet, die Lehrer würden ihre Schüler dann nur noch gezielt auf die 08/15-Prüfung vorbereiten. «Es käme zu einer Verarmung der Lernkultur.»

Ähnlich tönt es bei Rektor Christian Sommer vom Gymnasium Rychenberg in Winterthur. «Das würde die Qualität senken, weil man sich an Schulen mit mittlerem Niveau anpassen müsste.» Der Rektor jenes Gymnasiums, das beim einzigen und umstrittenen Gymnasien-Ranking (siehe Box) der ETH im Jahr 2008 am besten abgeschnitten hat, bestreitet nicht, dass es Unterschiede zwischen den Kantonen und den einzelnen Schulen gibt. Er befürchtet darum für seine Schule eine «Nivellierung nach unten».

Einheitliche Lehrplanvorgaben in Mathe und Deutsch

Auch Benno Planzer vom privaten Gymnasium Immensee im Kanton Schwyz, dessen Schule beim ETH-Ranking vom Jahr 2008 auf dem letzten Platz landete, ist explizit gegen eine schweizweit einheitliche Prüfung. Derzeit werde unter den Gymnasien aber diskutiert, in den Prüfungsfächern Mathematik und Deutsch einen Teil zu vereinheitlichen.

Planzer: «So würde man die Grundkompetenzen schweizweit mit einheitlichen Lehrplanvorgaben abgleichen.» Weiter könne eine Zentralprüfung aber nicht gehen. Der Grund seien die erweiterten Kompetenzen, die je nach spezieller Ausrichtung des Gymnasiums unterschiedlich sein können.

«Zentralmatur erhöht Aussagekraft der Noten»

Die Gymnasien sind zudem überzeugt, bereits genug zu machen, um die Qualität hochzuhalten. So gibt es fast überall schulübergreifende Fachgremien, die Prüfungen gemeinsam konzipieren und sich bei den Maturprüfungen austauschen. Der Winterthurer Rektor Christian Sommer sagt: «Das Problem ist erkannt und Bemühungen sind im Gang, um Qualitätsunterschiede auszugleichen.»

Der Leiter der Studie, der Bildungsökonom Stefan Wolter, sieht das ganz anders. Er ist überzeugt, dass mit einheitlichen Prüfungen die Qualität der gymnasialen Mittelschulen und die Aussagekraft der Maturitätsnoten verbessert werden kann. Wolter: «Wir sollten wegen der Qualität in Richtung Zentralmatura gehen.»

Feedback

Haben Sie das Gymnasium gewechselt und grosse Qualitätsunterschiede zwischen den Schulen festgestellt? Oder kennen Sie andere Beispiele, die die Qualitätsunterschiede aufzeigen? Schicken Sie ein Mail an: feedback@20minuten.ch

Gymi-Ranking

Im November 2008 beging die ETH einen Tabubruch: Sie veröffentlichte die durchschnittlichen Zwischenprüfungsergebnisse nach dem ersten Studienjahr und schlüsselte diese nach Kantonen und Gymnasien auf. Zum ersten Mal erhielt die Öffentlichkeit Informationen über die Rangfolge der erfolgreichsten Gymnasien. Der Untersuchung enthielt eine Grafik, die eine hierarchische Auflistung gymnasialer Schulen nach Prüfungspunkten enthielt. Die damalige Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach wies zwar bei der Prä-

sentation darauf hin, dass man daraus keine Bewertung ableiten könnte. Dennoch wurde die Liste vielerorts als Kriterium zur Beurteilung von Schulen wahrgenommen. Die Empörung war gross. Solch ein Vergleich sei nicht sinnvoll und überaus gefährlich, hiess es von den Bildungsinstitutionen. Einzelne Schulen meldeten sich zu Wort: Die Rangliste verfälsche Tatsachen, und es würden Äpfel mit Birnen verglichen. Es folgte eine nationale Diskussion über Sinn und Unsinn von Rankings im Bildungssystem. Seither wurden Bewertungen von Gymnasien nie mehr veröffentlicht.

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