Aktualisiert 11.06.2018 16:20

Kleidervorschriften

Gymi-Schülerinnen reagieren mit Protest

Die Kleiderempfehlungen der Schulleitung sorgen bei den Mädchen am Gymnasium Oberaargau für Ärger. Auf den WCs finden sich Protestschriften. 20 Minuten war vor Ort.

von
sul

Das sagen Gymi-Schülerinnen zu den Kleiderempfehlungen.

Die Schülerinnen des Gymnasiums Oberaargau in Langenthal sind sauer: Vergangene Woche wurden sie von der Schulleitung per Mail aufgefordert, sich dezenter zu kleiden. Als «No-Gos» gelten unter anderem bauchfreie Tops, die Sicht auf die Unterwäsche oder sexistische Aufdrucke. Brisant daran: Die Buben haben kein entsprechendes Merkblatt erhalten. Offenbar sei die Schulleitung der Ansicht, die Mädchen könnten die Buben mit freizügiger Kleidung vom Unterricht ablenken, sagte eine Schülerin (17). «Wir werden zu Objekten degradiert. Das ist klar sexistisch.»

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Dieses Merkblatt erhielten die Schülerinnen des Gymnasiums Oberaargau vor wenigen Tagen. An die Buben verschickte die Schulleitung keine Kleiderempfehlungen.

Dieses Merkblatt erhielten die Schülerinnen des Gymnasiums Oberaargau vor wenigen Tagen. An die Buben verschickte die Schulleitung keine Kleiderempfehlungen.

Leser-Reporter
Zum «eigenen Schutz und aus Respekt gegenüber anderen» werden die Mädchen aufgefordert, bestimmte Aspekte bei der Kleiderwahl zu berücksichtigen. Pikant: Die Schulleitung hat die Grafik von einem deutschen Gymnasium kopiert, wie eine einfache Google-Suche zeigt. Diese sieht Regeln für beide Geschlechter vor. Den Teil für die Buben hat die Schulleitung jedoch herausgeschnitten.

Zum «eigenen Schutz und aus Respekt gegenüber anderen» werden die Mädchen aufgefordert, bestimmte Aspekte bei der Kleiderwahl zu berücksichtigen. Pikant: Die Schulleitung hat die Grafik von einem deutschen Gymnasium kopiert, wie eine einfache Google-Suche zeigt. Diese sieht Regeln für beide Geschlechter vor. Den Teil für die Buben hat die Schulleitung jedoch herausgeschnitten.

Leser-Reporter/zvg
Die einseitige Kleiderempfehlung stösst den Mädchen des Gymnasiums sauer auf. «Wir haben uns gehörig aufgeregt und fühlen uns diskriminiert», sagt eine Schülerin (17).

Die einseitige Kleiderempfehlung stösst den Mädchen des Gymnasiums sauer auf. «Wir haben uns gehörig aufgeregt und fühlen uns diskriminiert», sagt eine Schülerin (17).

Gymnasium Oberaargau

Der Artikel von 20 Minuten über die Kleiderempfehlung schlug hohe Wellen. Einerseits bei den Lesern, die ihn bis Mitte Montagnachmittag über 600 Mal kommentierten. Andererseits aber auch am Gymnasium selbst: Dort hat die Schulleitung «aufgrund der zahlreichen Anfragen und des grossen Medieninteresses» kurzerhand eine Pressekonferenz für Montagabend angesetzt.

«Wir leben in einem freien Land»

Kein Wunder also, war das umstrittene Merkblatt am Montagnachmittag das grosse Thema bei den Mädchen an der Schule. Hört man sich ein wenig um, wird schnell klar: Kaum eine Schülerin findet die Idee mit der Kleiderempfehlung gut.

«Wenn die Schulleitung schon solche Empfehlungen herausgibt, sollte sie das für beide Geschlechter tun», findet Schülerin Michelle Stauffer (18). Eine Institution wie das Gymnasium, so Stauffer, sollte für Toleranz und Gleichberechtigung stehen. «Bei der einseitigen Kleiderempfehlung sind aber genau diese Werte nicht gewährleistet.»

Im Allgemeinen findet Stauffer, dass es am Gymnasium Oberaargau kein Problem mit zu viel nackter Haut gebe: «Ich besuche seit drei Jahren diese Schule. In dieser Zeit habe nie ein Outfit gesehen, bei dem ich dachte, dass man sich hier so nicht zeigen darf.»

Maturandin Deborah Steiner (20) stimmt zu: «Ich sehe nicht ein, wieso es an einem Gymnasium Kleidervorschriften braucht. Wir leben in einem freien Land, in einer freien Schule.»

Protestpapier auf dem WC

Bereits hat die Kleiderempfehlung Proteste nach sich gezogen. Auf den Mädchentoiletten hängen seit Neustem A4-Blätter an der Wand – mit klarer Botschaft an Schulleitung und Lehrer: «Instead of shaming girls for their bodies, teach boys that girls are not sexual objects.» Was übersetzt etwa heisst: Anstatt Mädchen wegen ihres Körpers anzuprangern, solltet ihr den Jungs beibringen, dass Mädchen keine Sexobjekte sind.

Die Schülerin, die 20 Minuten am Freitag über das Merkblatt informierte, sagte ausserdem, dass sich einige Mädchen nun erst recht aufreizend kleiden, um der Empfehlung der Schulleitung zu trotzen.

Michelle Stauffer begrüsst solche Protestaktionen: «Bei solchen Angelegenheiten müssen die Mädchen zusammenhalten und ihre Meinung offen kundtun.»

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