Wissenslücken: «Gymischüler wussten nicht, was ein Konzern ist»

Aktualisiert

Wissenslücken«Gymischüler wussten nicht, was ein Konzern ist»

Eine neue Studie der Uni Zürich zeigt: Bei der Mehrheit der Gymischüler klafft eine Wissenslücke, wenn es um Wirtschaftsthemen geht. Experten fordern nun doppelt so viele Wirtschaftslektionen.

von
S. Marty

Was ist ein Konzern? Welche Bedeutung hat eine Inflation? Warum legt die Nationalbank tiefere Zinsen fest? Solche Wirtschaftsfragen bringt die Mehrheit der Gymischüler in der Schweiz ins Stocken. Wie eine neue Studie der Universität Zürich unter der Leitung von Professor Franz Eberle zeigt, fehlt es den Jugendlichen - die nicht das Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht besuchen - bei ihrem Abschluss an Wirtschaftswissen. «Viele Gymischüler wussten zum Beispiel nicht, was ein Konzern oder die Aufgabe der Nationalbank ist – angesichts deren Bedeutung in der Wirtschaft ist das ein Manko», meint Eberle. Die Schüler hätten in der Studie gar schlechter abgeschnitten, als Jugendliche der Berufsmittelschule.

Lücken im wirtschaftlichen Grundverständnis werden sich laut Eberle vor allem später bei der Übernahme von anspruchsvollen Aufgaben in der Gesellschaft negativ auswirken. «Um solche übernehmen zu können, ist ein Minimum an Wirtschaftswissen eine zwingende Voraussetzung.» Die zunehmend komplexeren Wirtschaftsproblematiken würden die Situation ausserdem zusätzlich verschärfen. «Beispielsweise Erkenntnisse aus der Wirtschaftskrise müssten deshalb heute in den Gymnasien mehr Platz finden», ergänzt der Erziehungswissenschaftler.

Auch FDP-Nationalrat und Präsident der Bildungskommission Christian Wasserfallen spricht von einem «Wissensmanko». Handlungsbedarf sieht er vor allem vor dem Hintergrund, dass 97 Prozent der Schweizer Firmen weniger als 50 Mitarbeiter beschäftigen: «Die Chance, dass man als Gymiabsolvent später in solch einer Firma Verantwortung übernehmen muss und auf ein wirtschaftliches Grundwissen angewiesen ist, ist entsprechend gross.»

Wirtschaftslektionen verdoppeln

Heute werden an Schweizer Gymnasien im Schnitt zwei Wochenstunden «Wirtschaft und Recht» unterrichtet - dies meist begrenzt auf ein Jahr. Für den Erziehungswissenschaftler Eberle zu wenig: «Das genügt nicht. Mindestens vier Lektionen in der Woche während eines Jahres wären nötig für ein ausreichendes Grundverständnis.»

Beat Zemp, Präsident vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, relativiert: «Die Situation hat sich mit der Einführung des Fachs Wirtschaft und Recht vor einigen Jahren bereits stark verbessert.» Trotzdem muss aber auch er anerkennen, dass «bessere Resultate nur mit einer Erhöhung der Wirtschaftslektionen zu erzielen sind.»

Kanton St.Gallen als Vorreiter

Im Kanton St.Gallen wird dieses Stundenkontingent bereits heute umgesetzt. Christoph Mattle, Leiter des Amts für Mittelschule St.Gallen, ist überzeugt, dass St.Galler Schüler in Wirtschaftsthemen deshalb schweizweit die Nase vorne haben: «Das Wirtschaftswissen ist bei uns sicher deutlich höher als in anderen Kantonen. Wir haben mit dieser Stundenzusammensetzung bis jetzt sehr gute Erfahrungen gemacht und werden dem Themenfeld auch künftig viel Beachtung schenken», so Mattle. Und dies nicht nur, weil St.Gallen über eine renommierte Wirtschaftsuniversität verfüge.

Spätestens bei der nächsten Überarbeitung des Maturitäts-Annerkennungs-Reglements MAR müsse man dem Thema laut Lehrerpräsident Zemp dann wohl auch schweizweit mehr Beachtung schenken. «Dann muss vor allem die Frage geklärt werden, auf Kosten welcher Fächer man die Wirtschaftslektionen erhöhen könnte.» Auf diese Frage wussten jedoch weder Zemp, noch Erziehungswissenschaftler Eberle oder Nationalrat Wasserfallen eine Antwort.

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