26.09.2018 13:38

Unter der Armutsgrenze

H&M-Zulieferer bezahlen Hungerlöhne

Kritik für H&M: In Fabriken von Lieferanten werden Löhne unter der Armutsgrenze bezahlt – obwohl das Unternehmen Besserung gelobt hatte.

von
R. Knecht

Zulieferer des Kleiderkonzerns H&M zahlen ihren Mitarbeitern Löhne, die teils tief unter dem Existenzminimum liegen. Das zeigt eine Untersuchung der Clean Clothes Campaign (CCC) und Public Eye. CCC sprach mit 62 Angestellten in Bulgarien, der Türkei, Indien sowie Kambodscha und fand heraus, dass gerade in Bulgarien die Missstände gross sind: Ohne Überstunden liegt der durchschnittliche Stundenlohn bei umgerechnet 60 Rappen.

Laut der Analyse beträgt der Nettolohn für die reguläre Arbeitszeit in der bulgarischen Fabrik 112 Franken im Monat. Selbst mit Überstunden und Zuschlägen einer 80 Stunden langen Arbeitswoche kommen die Angestellten nur auf 295 Franken – die Armutsgrenze der EU liegt für eine Familie mit zwei Kindern in Bulgarien bei 427 Franken. Die Armut, hoher Druck, schlechte Luftqualität und hohe Temperaturen würden in den regelmässig

Fabriken zu Ohnmacht führen.

Verstoss gegen Gesetze

Versuche der gewerkschaftlichen Organisation würden abgeblockt, schreibt Public Eye weiter. Zudem werde in manchen Fällen gegen gesetzliche Vorschriften verstossen: in der Türkei etwa mit extrem langen Arbeitstagen und ausbleibenden Überstundenzuschlägen.

Public Eye kritisiert nicht nur diese Umstände, sondern erinnert daran, dass sich H&M in einem Strategiepapier zur Umsetzung existenzsichernder Löhne vor fünf Jahren selbst zur Verbesserung der Situation verpflichtet hat: «Die Untersuchung zeigt viele nicht eingelöste Versprechen trotz konkreter Zusicherungen», sagt Public-Eye-Sprecher Oliver Classen zu 20 Minuten. H&M habe das Papier mehrmals umgeschrieben und das Original sei auf der Website des Unternehmens gar nicht mehr einsehbar.

Streit um Lohnniveau

Eine Sprecherin von H&M sagt zu 20 Minuten, der Konzern respektiere die Meinung der CCC, teile aber nicht deren Ansicht über die Textilindustrie. Es gebe kein allgemein vereinbartes Niveau für existenzsichernde Löhne.

Grundlage für CCC ist die Armutsgrenze der EU. Die 427 Franken für einen Alleinverdiener eines vierköpfigen Haushalts, die CCC als existenzsichernd bezeichnet, entspreche dem doppelten des bulgarischen Durchschnittslohns, sagt David Dorn, Professor für internationalen Handel an der Universität Zürich, zu 20 Minuten. Auch ein bulgarischer Primarlehrer verdiene im Schnitt nicht 427 Franken.

H&M will keine Löhne festlegen

Laut H&M ist es zudem nicht die Aufgabe von westlichen Bekleidungsmarken, das Lohnniveau in anderen Ländern zu definieren. Das müsse in fairen Lohnverhandlungen festgelegt werden, verteidigt sich das Unternehmen.

Laut Dorn können westliche Konzerne heutzutage aber längst nicht mehr einfach ihre Produktion in andere Länder verlegen und so tun, als würden sie die Arbeitsbedingungen nichts angehen: «Seit einigen Jahren gibt es die starke Erwartung vom Konsumenten, dass die Textilfirmen die Verantwortung nicht einfach auf die Zulieferer abschieben.»

Konzerne wollen nicht spionieren

Eine Schwierigkeit für Firmen wie H&M sei aber, dass die Geschäftsbeziehung mit den Zulieferern eine Partnerschaft sei. «Weil der Konzern keine Privatdetektive schicken will, um den eigenen Partner auszuspionieren, muss er sich in der Regel darauf verlassen, was Zulieferer ihm versprechen», so Dorn.

Dorn fände es sinnvoll, wenn sich Firmen wie H&M mit den Nichtregierungsorganisation wie Public Eye zusammentun würden und sich auf klare Richtlinien einigen könnten. Dann sei es denkbar, dass Public Eye im Auftrag von H&M Kontrollen durchführen würde. H&M weist daraufhin, dass der Konzern schon heute im Dialog mit CCC stehe.

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