Aktualisiert 18.05.2005 19:22

Haar scharf

Bei Frauen gehört die Intimrasur längst zur Körperpflege. Doch nun müssen auch Männer Haare lassen. Und zwar am ganzen Körper.

Zumindest in der Unterhose hat die Gleichberechtigung Einzug gehalten. Was für trendbewusste, vornehmlich junge Frauen schon längst an der Tagesordnung ist, wird allmählich auch in der Männerwelt zur Norm: die aalglatte Geschlechtszone. Nicht nur Kosmetik-Marken zielen mit aggressiver Werbung eindeutig auf den enthaarten Intimbereich. Auch die Praktizierenden zeigen sich überzeugt davon. «Unten rasiert zu sein, ist hygienischer und viel sexyer», argumentiert einer von ihnen. «Ausserdem schwitzt man weniger.» Kein Wunder, hat sich der Trend zuerst in der Sportwelt verbreitet. «Unrasiert sind nur die Aussenseiter», verrät ein Fussballer der Challenge League. «Glatt zu sein ist selbstverständlich.»

Immer gefragter sind folglich entsprechende Dienstleistungen. «Ich habe Kunden aus der ganzen Schweiz», erzählt etwa Astrid Brunner. Seit sieben Jahren betreibt sie im Kanton Aargau ein Herrenkosmetikstudio, in dem sie Haarentfernungen im Intimbereich vornimmt. «Der Trend nimmt zu», weiss sie. «Die Leute begreifen langsam, dass sie einfach ein besseres Körpergefühl haben, wenn sie die Schamhaare entfernen.»

Der wahre Grund für die ästhetische Trendwende liegt indes tiefer: «Ein unbehaarter Körper ist ein Merkmal von Kindern», bemerkt der deutsche Attraktivitätsforscher Martin Gründl – so gesehen reiht sich der Trend nahtlos in den grassierenden Jugendkult ein. Öffentlich nachvollziehen lässt sich der Paradigmenwechsel in der Pornoindustrie: Wähnte man sich in den Achtzigerjahren beim Genuss einschlägiger Streifen praktisch im Urwald, so präsentieren sich die Protagonisten heute ratzekahl.

Ganz unproblematisch ist die Entwicklung freilich nicht. Sexualtherapeuten berichten, dass sehr junge Leute vermehrt wissen wollen, ob sie – wenn unrasiert – noch normal seien. Und bei ungeübten Selbstrasierern kann die Haarentfernung zu unangenehmen Hautirritationen führen. «Dann sollte man sich auf jeden Fall in professionelle Hände begeben», rät Astrid Brunner. Denn: «Wer gesunde Haut hat, übersteht sogar eine Wachsbehandlung im Intimbereich problemlos.»

Grundsätzlich gilt: Wenn nicht ganz glatt, so muss die Pracht zumindest gestutzt sein. Auch wenn es noch Zweifler gibt, wie ein Aufruf zeigt, den ein Kolumnist unlängst in der Zeitung «Südostschweiz» startete. «Jungs», forderte er verzweifelt, «wenn wir alle zusammenhalten, dann müssen wir das nicht tun!»

Claudia Schlup

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