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Doktor Sex«Habe ich keine Lust mehr, weil er dick geworden ist?»

Senta hat zwar das Bedürfnis nach Sex, jedoch nicht mit ihrem Freund. Sie denkt, es liege an seinem Äusseren. «Doktor Sex» sieht einen anderen Grund.

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Äusserlichkeiten können ein Lustkiller sein. (Symbolbild: «Cosa voglio di più», Film Movement)

Äusserlichkeiten können ein Lustkiller sein. (Symbolbild: «Cosa voglio di più», Film Movement)

Frage von Senta (20) an Doktor Sex: Ich bin seit zwei Jahren mit meinem Freund zusammen. Am Anfang hatten wir ein super Beziehungs- und Sexleben. Aber dann passierten viele Dinge: Er log mich oft an und hinterging mich. Auch wenn Sex bei seinen Verfehlungen keine Rolle spielte, hatte sein Handeln grosse Auswirkungen auf unsere Sexualität. Ich hatte danach zwar noch Lust, jedoch nicht mehr wirklich auf ihn. Jedesmal wenn wir Sex hatten, war die Lust nach kurzer Zeit weg. Ich liess mich nur noch drauf ein, weil ich das Gefühl hatte, ich müsse dies tun. Und weil ich mir sagte, dass er danach wieder ein paar Tage Ruhe gibt. Schrecklich, ich weiss. Ich habe mit ihm auch schon oft darüber geredet, dass mein Vertrauen zerstört wurde und ich auch nicht weiss, woran es genau liegt. Er sagte jeweils nur, dies sei mein Problem. Könnte es sein, dass der Grund darin liegt, dass ich ihn nicht mehr so attraktiv finde? Er liess sich nämlich gehen und hat stark zugenommen. Ich weiss einfach nicht mehr weiter. Das alles zerstört langsam unsere Beziehung.

Antwort von Doktor Sex

Liebe Senta

Ein Vertrauensverlust kann meist nicht auf eine bestimmte, genau abgrenzbare Ursache zurückgeführt werden. Häufig sind es verschiedene Vorfälle und kleine Verletzungen, die in der Summe dazu führen, dass man einem Menschen nicht mehr traut, dass man sich in Bezug auf sein Handeln nicht mehr sicher und geschützt fühlt.

Sexualität findet nicht unabhängig von Beziehungen statt. Es ist daher logisch, dass sich Verletzungen und die daraus entstehenden Verunsicherungen unmittelbar auf Lust und Erotik auswirken und so letztlich auch das sexuelle Handeln in Mitleidenschaft gezogen wird.

In den Beratungsgesprächen mit Paaren erlebe ich oft, dass Menschen nach einem Vertrauensbruch in Zusammenhang mit ihrer sexuellen Lust in eine Not geraten, wie du sie beschreibst. Auf der einen Seite spüren sie das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sex. Andererseits sehen sie sich einer Person gegenüber, mit der sie dieses Bedürfnis aufgrund des Erlebten nicht mehr befriedigen können oder wollen.

Dieser innere Konflikt stellt die meisten Menschen vor schier unlösbare Probleme. Aufgrund des Treueversprechens sollten sie ihre Lust innerhalb der Beziehung befriedigen, da aber die Beziehung gestört ist, fällt diese Möglichkeit weg. Wie sie es auch angehen, eine echte Lösung kommt nicht zustande: Holen sie sich Sex ausserhalb, ist das Versprechen gebrochen und die Vertrauenskrise noch grösser, verzichten sie auf Sex, schneiden sie sich ins eigene Fleisch.

Um nicht zu verzweifeln, eröffnen manche Betroffenen einen Nebenschauplatz. Beispielsweise, indem sie wie du ein neues Problem «erfinden». Und an diesem arbeiten sie sich dann ab. Zwar ergibt sich so kein Ausweg aus der paradoxen Situation, jedoch entsteht das Gefühl, hart zu arbeiten und sich einer Lösung zumindest anzunähern.

Falls dir das genügt, kannst du einfach so weiterfahren. Der Konflikt bleibt dann weiterhin unausgesprochen und dein Partner geschützt vor einer Konfrontation. Falls nicht, sind klare Ansagen erforderlich und Handlungen, die einen echten Unterschied machen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich zu trennen.

Deine Frage an Doktor Sex: doktor.sex@20minuten.ch

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