Aktualisiert 02.11.2011 15:41

Lammers Leidensweg

«Habe jeden Tag aus dem Hotel ausgecheckt»

Mit seinem Sieg über Michail Juschni hat sich Michael Lammer in Basel ins Scheinwerferlicht gespielt. Sonst kämpft der Überraschungsmann vor allem gegen Einsamkeit und finanzielle Probleme.

von
P. Reich

Noch etwas verschwitzt, aber sichtlich zufrieden nimmt Michael Lammer nach seinem Überraschungserfolg gegen den ehemaligen Top-10-Spieler Michael Juschni Platz im Interviewraum des Mediencenters. So ganz konnte die Weltnummer 327 seinen Exploit wohl selbst nicht begreifen. «Natürlich bin ich zufrieden, wie es gelaufen ist. Er spielte Hauruck-Tennis und macht enorm viele Fehler. Ich versuchte mich auf mich zu konzentrieren und das hat geklappt», analysierte Lammer dann aber doch.

Der Sieg gegen Juschni war erst der sechste für den 29-jährigen Dübendorfer auf der ATP-Tour. Normalerweise kämpft er an Challenger- oder Future-Turnieren um einige wenige Weltranglisten-Punkte. In Basel kam Lammer über die Qualifikation in das Hauptfeld. Dass er am Dienstag noch immer im Turnier sein wird, daran hat der Überraschungsmann selbst nicht geglaubt. «Ich hatte meine Zweifel, als ich die Auslosung gesehen habe», gibt Lammer offen zu. Doch nach Bernard Tomic (ATP 42) bezwang er auch Kollege und Lokalmatador Marco Chiudinelli und bekam plötzlich sein Chance.

«Ich war viel allein unterwegs»

Sein Erfolg in Basel kommt nicht von ungefähr. «Ich habe hart gearbeitet und bin immer dran geblieben», berichtet Lammer. «Irgendwann wird man wieder belohnt. Schön, dass es genau jetzt hier in Basel ist.» In diesem Jahr hat Lammer, der 2009 die Nummer 150 der Welt war, so viele Future-Turniere gespielt wie noch nie. In der dritthöchsten Turnierklasse, die vor allem für Nachwuchsspieler da ist, spielte der 29-Jährige gegen Gegner, die 10 Jahre jünger sind als er. «Manchmal habe ich mich schon gefragt, was ich ich da mache», sagt Lammer. «Mein Ziel war und ist es aber wieder unter die ersten 300 zu kommen, um wieder Grand Slams spielen zu können.»

Seit diesem Sommer, als er sich wieder dem Verband angeschlossen hat und damit wieder Struktur in seinen Trainingsplan gebracht hat, geht es mit Lammer endlich wieder bergauf. «Die Betreuung und die Struktur im Verband gibt mir Halt und auch wieder mehr Selbstvertrauen. Vorher war ich ein bisschen ‹freestyle› unterwegs. Das geht natürlich nicht. Man ist viel allein und muss alles selbst organisieren», erklärt der Dübendorfer. «Das braucht sehr viel Wille und Disziplin. Finanziell musst du jeden Tag kämpfen. Bei einem Future-Turnier in Italien habe ich jeweils jeden Morgen vor meiner Partie aus dem Hotel ausgecheckt. Denn wenn du um 14 Uhr spielst und verlierst, musst du eine weitere Nacht bezahlen.»

Die grosse Chance gegen Baghdatis

Trotz allen Schwierigkeiten abseits der grossen Tennisbühnen will Lammer noch mindestens zwei, drei Jahre weiterspielen. «Tennis ist mein Leben und ich liebe diesen Sport. Das andere Leben danach ist ja auch noch lang», schaut er voraus.« Wichtig ist die Freude und die Motivation zum Trainieren, Spielen und Reisen.» Sein Ziel ist es, einmal unter die Top 100 zu kommen. Einen ersten Schritt könnte er im Achtelfinal gegen Marcos Baghdatis machen. Statt 45 würde Lammer 90 Weltranglisten-Punkte dazugewinnen und auch die zusätzlichen 16 000 Euro Preisgeld könnte er sicherlich gut gebrauchen.

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