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US-Präsident Joe Biden«Haben bin Laden bis zu den Toren der Hölle verfolgt – und erwischt»

Die Tötung von al-Qaida-Chef Osama bin Laden jährt sich zum zehnten Mal. US-Präsident Joe Biden nutzt den Jahrestag, um den Truppenabzug aus Afghanistan zu rechtfertigen.

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Osama bin Laden ist seit zehn Jahren tot: Der damalige US-Präsident Barack Obama (zweiter von links) und sein Vize Joe Biden (links) verfolgten den Einsatz. (1. Mai 2011)

Osama bin Laden ist seit zehn Jahren tot: Der damalige US-Präsident Barack Obama (zweiter von links) und sein Vize Joe Biden (links) verfolgten den Einsatz. (1. Mai 2011)

AFP/Pete Souza/The White House
Nach der Bekanntgabe der Tötung von Osama bin Laden demonstrierten Anhänger gegen die USA. (2. Mai 2011)

Nach der Bekanntgabe der Tötung von Osama bin Laden demonstrierten Anhänger gegen die USA. (2. Mai 2011)

AFP/Banaras Khan
«Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde»: US-Präsident Joe Biden. (29. April 2021)

«Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde»: US-Präsident Joe Biden. (29. April 2021)

AFP/Brendan Smialowski

Darum gehts

  • Der Todestag des früheren al-Qaida-Chefs Osama bin Laden jährt sich zum zehnten Mal.

  • US-Präsident Joe Biden erinnert sich: «Den Moment werde ich nie vergessen.»

  • Er nutzt den Jahrestag, um den Truppenabzug aus Afghanistan zu rechtfertigen.

US-Präsident Joe Biden hat den zehnten Jahrestag der Tötung von al-Qaida-Chef Osama bin Laden genutzt, um den US-Truppenabzug aus Afghanistan zu rechtfertigen. «Wir werden weiterhin jede Bedrohung, die von Afghanistan ausgeht, überwachen und unterbinden», erklärte Biden am Sonntag. Die Nachricht über den Tod bin Ladens vor zehn Jahren sei ein Moment gewesen, «den ich nie vergessen werde», betonte der Präsident.

«Wir haben bin Laden bis zu den Toren der Hölle verfolgt – und wir haben ihn erwischt», sagte Biden in einer vom Weissen Haus veröffentlichten Erklärung. «Wir haben das Versprechen an all jene gehalten, die am 11. September geliebte Menschen verloren haben.» Er lobte den damaligen Präsidenten Barack Obama für seine Entscheidung von 2011, die geheime Operation gegen den al-Qaida-Chef zu genehmigen.

Die Terrorgruppe al-Qaida sei im Land am Hindukusch zwar stark geschwächt, «aber die Vereinigten Staaten bleiben wachsam gegenüber der Bedrohung durch terroristische Gruppen», erklärte Biden weiter. Biden hatte im vergangenen Monat angekündigt, Washingtons längsten Krieg bis zum 11. September zu beenden und alle Truppen abzuziehen.

Al-Qaida nur noch «ein Schatten seiner selbst»

Zehn Jahre nach dem Tod von Osama bin Laden hat al-Qaida massiv an Bedeutung verloren. Die Terrorgruppe sei nur noch «ein Schatten seiner selbst», sagt etwa der Terrorismus-Experte Barak Mendelsohn vom Haverford College in Pennsylvania.

Seit der Tötung Bin Ladens durch US-Spezialkräfte in Pakistan am 2. Mai 2011 wird al-Qaida von Aiman al-Zawahiri geführt. Der wenig charismatische Ägypter, der zuvor als Ideologe der Gruppe galt, ist seitdem nicht gross in Erscheinung getreten. Vermutet wird er in der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass al-Sawahiri längst tot sei.

Unter neuer Führung dezentralisiert

Al-Zawahiris grösster Erfolg sei es, al-Qaida überhaupt «am Leben erhalten» zu haben, sagt Mendelsohn. Weltweit existieren zahlreiche Ableger, die den Namen der Gruppe tragen – etwa in Nordafrika, Somalia, Afghanistan, Syrien oder im Irak. Nach Ansicht von Mendelsohn ist al-Qaidas Führungsspitze aber längst keine mächtige Schaltzentrale mehr, die Entscheidungen für alle ihre Ableger trifft. Sie sei eher ein «Stab von Beratern» für Dschihadisten in aller Welt.

«Unter Zawahiris Führung hat sich al-Qaida zunehmend dezentralisiert», heisst es auch in einem Bericht des US-Instituts Counter Extremism Project (CEP). Die Entscheidungsgewalt liegt den CEP-Experten zufolge hauptsächlich in den Händen der Anführer der zahlreichen Ableger.

Stellvertreter des neuen Chefs getötet

Bei dieser Umstrukturierung al-Qaidas in eine Art Franchise-Unternehmen hat al-Zawahiri den Experten zufolge zwar eine wichtige Rolle gespielt. Ende 2020 gab es aber wieder einmal unbestätigte Berichte über seinen Tod. Demnach erlag der al-Qaida-Chef einem Herzleiden. Später tauchte er zwar in einem Video auf, in dem er sich zur Not der muslimischen Rohingya-Minderheit in Myanmar äusserte. Genau datieren liess sich das Video aber nicht.

Im vergangenen November wurde dann der Tod seines Stellvertreters Abdullah Ahmed Abdullah bekannt, der auch unter dem Namen Mohammed al-Masri bekannt ist. Der al-Qaida-Vize soll im August von israelischen Geheimdienstagenten in Teheran getötet worden sein.

25 Millionen Dollar Kopfgeld auf al-Zawahiri

Doch auch wenn al-Zawahiri selbst noch am Leben sein sollte: Er ist ein alter und vermutlich kranker Mann, der nicht das Charisma und die Anziehungskraft seines Vorgängers bin Laden hat.

Die USA haben zwar ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf al-Zawahiri ausgesetzt und ihn ganz oben auf ihre Liste der meistgesuchten Terroristen gesetzt. Experten vertreten aber die Ansicht, die US-Regierung halte ihn für keine allzu grosse Gefahr und unternehme auch keine grösseren Anstrengungen, um ihn zur Strecke zu bringen.

Washingtons mangelndes Interesse hängt natürlich auch mit dem Aufstieg der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zusammen. Statt sich mit al-Qaida zusammenzutun, liefern sich beide Gruppen in etlichen Ländern einen erbitterten Konkurrenzkampf. Der IS, der auf dem Höhepunkt seiner Macht ein «Kalifat» im Irak und in Syrien kontrollierte, hat al-Qaida als radikale Stimme in den Online-Netzwerken auch medial längst den Rang abgelaufen.

Andere Experten warnen aber davor, al-Qaida angesichts des Bedeutungsverlusts schon ganz abzuschreiben. Colin Clarke vom Soufan Center in den USA unterscheidet etwa zwischen al-Qaida als Organisation und als Teil der islamistischen Bewegung. Zwar erscheine die Führungsspitze um al-Zawahiri wie ein «Relikt aus einer vergangenen Zeit». Das Netzwerk habe sich in der Vergangenheit aber als «ausserordentlich widerstandsfähig erwiesen», sagt Clarke. Es sei daher noch zu früh, «schon jetzt den Nachruf auf die Gruppe zu schreiben».

(AFP/chk)

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