Kündigungswelle: Haben Firmen vor Abbau die Wahlen abgewartet?

Aktualisiert

KündigungswelleHaben Firmen vor Abbau die Wahlen abgewartet?

Arbeitnehmervertreter rechnen mit einer Entlassungswelle. Wegen der Wahlen hätten sich die Konzerne gedrückt, Abbaupläne anzukünden.

von
B. Zanni
Die Gewerkschaften werfen den Firmen vor, dass sie die Stellenabbaupläne absichtlich erst nach den Eidgenössischen Wahlen bekannt gegeben hätten.

Die Gewerkschaften werfen den Firmen vor, dass sie die Stellenabbaupläne absichtlich erst nach den Eidgenössischen Wahlen bekannt gegeben hätten.

Die düsteren Prophezeiungen der Gewerkschaften scheinen sich zu bestätigen. Die Vertreter der Arbeitnehmer warnten vor Wochenfrist, nach den Eidgenössischen Wahlen werde es diverse Massenentlassungen geben – als Folge politischen Kalküls. Im «Tages-Anzeiger» führten sie ins Feld, Unternehmer hätten die Entlassungsankündigen zurückgehalten, um damit den Wahlsige bürgerlicher und wirtschaftsnaher Parteien nicht zu gefährden.

Und kaum war der Wahlsonntag über die Bühne, ging es Schlag auf Schlag. Am Dienstag kündigte der Winterthurer Spinnmaschinen-Hersteller Rieter den Abbau von rund 209 Stellen an. Am Mittwoch der nächste Schock: Bis in drei Jahren verlieren bei der Credit Suisse 1600 Angestellte ihren Job. Die Grossbank will die Kosten 2018 um 3,5 Millarden Franken senken.

«Gier hätte der FDP und SVP geschadet»

Die Gewerkschaften sind überzeugt, dass die Firmen die Wahlen abgewartet haben. «Ein Blick auf die Mitgliederliste von Economiesuisse und Arbeitgeberverband reicht. Die Unternehmen wollten ihren Vertretern in der Politik ein gutes Terrain bereiten», sagt Christian Gusset, Vertreter der Gewerkschaft Unia. Er bezeichnet es als «Zynismus», dass Rieter mit ihren Kündigungen 209 Existenzen gefährde, Ende Juli aber ein Rekordergebnis kommuniziert habe. «Die Gier gewisser Aktionärsgruppen hätte der FDP und der Wahlsiegerin SVP weniger Stimmen eingebracht.»

Mathias Regotz der Gewerkschaft Syna vermutet: «Die Unternehmer wollten ein positives Umfeld für die wirtschaftsnahen Kandidaten schaffen.» Und Hansjörg Schmid, Sprecher von Angestellte Schweiz, ist überzeugt, dass Credit Suisse und Rieter die Entlassungen schon vor dem Wahlsonntag hätten verkünden können. «Es bestand die Angst, dass die Entlassenen nicht im Sinne ihrer Arbeitgeber stimmen.»

Die Gewerkschaften erwarten, dass der Stellenabbau bei Credit Suisse und Rieter erst der Anfang ist. «Wir sind nicht über dem Berg», glaubt Regotz. Und Schmid sagt: «Die Angestellten müssen sich warm anziehen.» Gusset rechnet mit Massenentlassungen bei den KMUs, Regotz geht zudem davon aus, dass die ABB einen grossen Abbau anstrebt. «Vor allem der administrative Bereich ist betroffen.» Auch erwartet er Kündigungen im Detailhandel sowie im Bau- und Baunebengewerbe.

«Eine verwegene Behauptung»

Die Unternehmen weisen die Vorwürfe zurück. «Zwischen dem Zeitpunkt des angekündigten Stellenabbaus und den Wahlen besteht absolut kein Zusammenhang», sagt Rieter-Sprecherin Cornelia Schreier. Rieter habe bereits im März Massnahmen angekündigt. «Ursprünglich wollten wir sie im Spätsommer mitteilen. Es war uns aber wichtig, sie sorgfältig und nachhaltig zu planen.»

Auch die Credit Suisse stellt politisches Kalkül in Abrede. Sie verweist auf eine Medienmitteilung von Juli 2015. Darin steht, dass die Bank noch vor Jahresende eine Strategie für ein profitables Wachstum festlegen wird.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband stösst in dasselbe Horn. Kommunikationschef Fredy Greuter spricht von einer «verwegenen Behauptung». Kündigungswellen unmittelbar vor den Wahlen könnten die Bürger für die Sorgen der Wirtschaft erst recht empfänglich machen. «Hiobsbotschaften würden zweifellos jene wirtschaftsfeindlichen politischen Lager schwächen, die den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben.»

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