29.10.2020 18:25

Virus-Typ 20A.EU1Haben Reisende neue Coronavirus-Variante in Europa verbreitet?

Von Spanien aus nach ganz Europa: Schweizer Forschende haben mit 20A.EU1 eine Variante von Sars-CoV-2 ausgemacht, die – wohl von Reisenden – in den letzten Monaten in ganz Europa sowie Hongkong und Neuseeland verbreitet wurde.

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Eine neue Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich im Sommer 2020 in Europa verbreitet. Das berichten Schweizer Forschende. 

Eine neue Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich im Sommer 2020 in Europa verbreitet. Das berichten Schweizer Forschende.

Universität Basel
Ausgehend von Spanien hat die mutierte Variante  insgesamt 12 europäische Länder erreicht. (Im Bild: die spanische Königsfamilie im Oktober 2020)

Ausgehend von Spanien hat die mutierte Variante insgesamt 12 europäische Länder erreicht. (Im Bild: die spanische Königsfamilie im Oktober 2020)

KEYSTONE
Konkret wurde es in Belgien (Bild), Deutschland, Frankreich, Italien, …

Konkret wurde es in Belgien (Bild), Deutschland, Frankreich, Italien, …

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Darum gehts

  • Schweizer Forscher haben eine neue Sars-CoV-2-Variante identifiziert.

  • Die 20A.EU1 genannte Variante ist in Europa momentan eine der am weitesten verbreiteten.

  • Ihren Ursprung hat sie in Spanien.

Forschende haben eine neue Sars-CoV-2-Variante identifiziert, die sich in den letzten Monaten europaweit verbreitet hat. Unter anderem die Lockerung der Reisebeschränkungen machten der neuen Variante ein leichtes Spiel, sich auszubreiten.

Demnach zählt sie in Europa momentan zu einer der am weitesten verbreiteten Varianten des neuen Coronavirus, wie die Universität Basel am Donnerstag mitteilte. Zurzeit existieren Hunderte Varianten, die sich durch kleine Mutationen im Erbgut voneinander unterscheiden. In der Schweiz gehören zwischen 30 und 40 Prozent der untersuchten Virusgenom-Sequenzen zur neuen Variante.

Von Spanien mit Touristen in die Welt?

Die Analysen der Forschenden der Uni Basel, der ETH Zürich in Basel und des Konsortiums «SeqCOVID-Spain» legten nahe, dass die neue Variante mit dem Namen 20A.EU1 erstmals im Sommer in Spanien auftrat. Die frühesten Hinweise der neuen Genomvariante stehen im Zusammenhang mit einem Superspreader-Ereignis unter Landarbeitern im Nordosten Spaniens. Danach verbreitete sie sich rasch übers ganze Land und gelangte schliesslich in andere europäische Länder sowie nach Hongkong und Neuseeland. Die Forschenden vermuten, dass die Lockerung von Reisebeschränkungen und Social-Distancing-Massnahmen im Sommer die Ausbreitung erleichterte.

«Wir sehen bei dieser Variante in Spanien ein ähnliches Muster wie im Frühjahr», erklärt Iñaki Comas, Co-Autor der Studie und Leiter von «SeqCOVID-Spain». «Eine Virus-Variante, die durch ein anfängliches Super-Spreader-Ereignis Anschub erhält, kann sich schnell im ganzen Land durchsetzen.»

«Nextstrain» und «SeqCOVID-Spain»

Die «Nextstrain»-Plattform wurde 2015 mit dem Ziel ins Leben gerufen, Krankheitserreger mittels genetischer Sequenzierung in Echtzeit zu verfolgen und möglichst auch die künftige Verbreitung von Viren vorherzusagen. «Nextstrain» stützt sich für die Analyse auf die Tatsache, dass Viren beim Vervielfältigen ihres Erbguts kleine Fehler machen. Anhand dieser Fehler errechnet die Plattform einen «Stammbaum», der anzeigt, in welchem Verwandtschaftsverhältnis einzelne Virusproben zueinander stehen. Dies erlaubt Forschenden, die Ausbreitung von Viren rund um den Globus und im Laufe der Zeit zu verfolgen. «Nextstrain» kam bereits für viele Krankheitserreger zum Einsatz, unter anderem für jene, die Zika, Ebola, Tuberkulose und natürlich Covid-19 auslösen. Die Forschungsgruppe um Richard Neher an der Universität Basel leitet derzeit die Analysen der Sars-CoV-2-Sequenzen für die meisten europäischen Länder sowie eine gesonderte Analyse für die Schweiz.

Das «SeqCOVID-Spain»-Konsortium hat sich zum Ziel gesetzt, die Übertragungsmuster von Sars-CoV-2 in Spanien und in Verbindung mit dem Rest der Welt zu verstehen. Daran beteiligt sind 30 klinische Institutionen, die mit den von ihnen gesammelten Virusproben die landesweite Vielfalt an Virusvarianten abbilden.

Riskantes Verhalten von Infizierten

Die Analyse des sommerlichen Sars-CoV-2-Vorkommens in Spanien und der Reisedaten zeigt, dass diese Faktoren erklären können, wie sich 20A.EU1 so erfolgreich ausgebreitet hat, heisst es in der Mitteilung der Universität Basel. Spaniens relativ hohe Fallzahlen und Beliebtheit als Urlaubsziel haben eine Vielzahl an Übertragungen auf neue Länder ermöglicht, von denen sich manche durch riskantes Verhalten von Infizierten nach der Rückkehr zu grösseren Ausbrüchen entwickelt haben könnten.

Obwohl der Anstieg der Prävalenz von 20A.EU1 parallel mit der in diesem Herbst steigenden Zahl von Fällen verläuft, sei die neue Variante nicht zwingend die Ursache für den Anstieg, so die Forschenden. «Es ist wichtig, festzuhalten, dass es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass die Verbreitung der neuen Variante auf einer Mutation beruht, die die Übertragung erhöht oder den Krankheitsverlauf beeinflusst», sagte die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Uni Basel, Erstautorin der noch nicht von anderen Fachleuten begutachteten Studie. Tatsächlich dominierten in einigen Ländern mit einem signifikanten Anstieg der Covid-19-Fälle andere Varianten, sagte Richard Neher, ebenfalls von der Uni Basel.

Derzeit arbeiten die Autorinnen und Autoren der Studie mit Virologie-Laboren zusammen, um mögliche Auswirkungen der Mutation zu untersuchen. Sie hoffen auch, bald Zugang zu Daten zu erhalten, um die klinischen Auswirkungen der Variante zu beurteilen. Diese identifizierte Emma Hodcroft erstmals während einer Analyse von Schweizer Sequenzen mit der «Nextstrain»-Plattform. Mit der Plattform lassen sich Krankheitserreger mittels genetischer Sequenzierung in Echtzeit verfolgen.

Weitere dominante Virusvariante im Umlauf

Bereits im Juni 2020 berichteten Forscher von einer mutierten Virusvariante. Die seither als D614G bekannte Version erhöhe die Zahl der Stacheln an der Virushülle, die es benötigt, um andere Zellen zu befallen, schrieb das Team vom Scripps Research Institute in Florida damals – teilweise um das Vier- bis Fünffache. Die Beobachtung ergänzte es mit der Vermutung, dass dies bedeuten könnte, dass die Veränderung Sars-CoV-2 noch ansteckender macht als in der Ursprungsform. Tests mit harmlosen Virentypen bestätigen das: «In unseren Zellkulturen waren die Viren mit dieser Mutation viel infektiöser als die ohne sie», so Hyeryun Choe, Co-Autorin der Arbeit, in einer Mitteilung.

Bestätigt werden die damals noch nicht von externen Fachleuten begutachteten Resultate von einer im Oktober 2020 im Fachjournal «Nature» publizierten Studie. Wie die Autoren um Jessica A. Plante vom World Reference Center for Emerging Viruses and Arboviruses an der University of Texas Medical Branch darin schreiben, erhöht D614G die Viruslast in den oberen Atemwegen von Covid-19-Patienten, wodurch die Übertragung gesteigert wird. Es gebe jedoch auch Hinweise darauf, «dass die Mutation die Fähigkeit von Impfstoffen in klinischen Studien, gegen Covid-19 zu schützen, möglicherweise nicht verringert».

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(SDA, Fee )

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