Vergessen in Japan: «Habt ihr was zu essen? Ich bezahle auch»
Aktualisiert

Vergessen in Japan«Habt ihr was zu essen? Ich bezahle auch»

Ein 75-jähriger Mann lebt seit der Tsunami-Katastrophe alleine in einer Geisterstadt bei Fukushima. Seit dem 11. März hat er keine Menschenseele gesehen.

von
Eric Talmadge
AP
Kunio Shiga lebt alleine in seinem Haus in der Fukushima-Präfektur.

Kunio Shiga lebt alleine in seinem Haus in der Fukushima-Präfektur.

Ein Bauernhof in der Nähe von Fukushima - am Ende einer schlammverkrusteten, schmalen, von umgefallenen Bäumen und den verwesenden Kadavern toter Schweine blockierten Strasse. Umgeben von Trümmerbergen, die noch immer genauso dort liegen, wie sie der Tsunami am 11. März aufgetürmt hat. Inmitten der Trümmerfelder, alleine in seinem unbeheizten, dunklen Haus lebt noch immer der 75-jährige Kunio Shiga. Er ist schlecht zu Fuss und hat keine Ahnung, was mit seiner Frau passiert ist.

Shigas Hof liegt am Rand der auf 20 Kilometer festgelegten Evakuierungszone rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi. Alle seine Nachbarn sind schon lange weg. Er blieb allein zurück. Bis er von einem Reporter und zwei Fotografen der Nachrichtenagentur AP entdeckt wird, waren keine Rettungskräfte zu ihm vorgedrungen. «Ihr seid die ersten Menschen, mit denen ich (seit dem Tsunami) spreche», sagt er zu den Journalisten, die den desorientierten und verängstigten Mann auf seinem Hof finden.

«Habt ihr was zu essen? Ich bezahle auch», fragt Shiga. Dankbar nimmt er eine Ein-Liter-Wasserflasche und einen Beutel mit 15 bis 20 Energieriegeln entgegen. Seine Vorräte seien ihm ausgegangen und ohne Strom und fliessendes Wasser habe er auch keinen Reis kochen können, berichtet der Alte. Sein zweistöckiges traditionell japanisches Haus hat die Flutwelle weitgehend unbeschadet überstanden. Drinnen herrscht allerdings Chaos. Heruntergefallene Gegenstände liegen kreuz und quer herum. Auch sein buddhistischer Schrein.

Zwar herrschte kein Frost, doch war es in der Gegend in den vergangenen Wochen kalt. Der Stadtteil Odaka, in dem Shiga lebt, ist eine Geisterstadt. Auf den Feldern rundum steht seit dem Tsunami das Wasser. Der Geruch des Meeres ist allgegenwärtig. Die einzigen Geräusche stammen von den Schweinen, die vor Hunger kreischen.

Grosse Bereiche wegen Radioaktivität nicht kontrolliert

Aufgrund der Radioaktivität hätten grosse Bereiche der Evakuierungszone nicht kontrolliert werden können, räumt die Polizei vor Ort ein. Doch mit der abnehmenden Strahlung konnte ihr Aktionsradius in den vergangenen Tagen ausgeweitet werden. Die AP-Journalisten begleiteten ursprünglich eine Suchaktion. Dann zogen sie auf eigene Faust los, um nach Überlebenden zu suchen, die noch immer in der Evakuierungszone leben. Aus rund einem halben Kilometer Entfernung entdecken die Reporter am Ende eines blockierten Wegs den Hof, den Shigas Familie seit Generationen bewirtschaftet. Zu Fuss nähern sie sich - mal müssen sie unter Hindernissen hindurchkriechend, mal über umgestürzte Bäume klettern.

Als sie näher kommen, zieht sich Shiga in sein Haus zurück. Nach der Begrüssung ist er aber bereit, mit ihnen zu reden. Die einsamen Tage seit dem Tsunami habe er Radio hörend auf einem Bett in seinem finsteren Heim sitzend verbracht, erzählt er. «Der Tsunami kam bis zu meiner Türschwelle», berichtet er. Was mit seiner Frau geschehen sei? «Ich hab keine Ahnung. Sie war hier. Nun ist sie weg.»

Ihm sei bewusst, dass die Regierung die Evakuierung der Gegend angeordnet habe, erklärt Shiga. Aber er könne mit Mühe gerade einmal bis zur Hofeinfahrt gehen. Was solle er also machen. Sein Auto steckt im Schlamm fest und springt ausserdem nicht an.

«Ich bin alt und ich weiss nicht, ob ich weggehen könnte»

Die Reporter bitten Shiga um die Erlaubnis, die Behörden über seine Situation unterrichten zu dürfen. Er willigt ein. Doch selbst wenn die Beamten kämen, würde er möglicherweise lieber bleiben, sagt Shiga. «Ich bin alt und ich weiss nicht, ob ich weggehen könnte. Wer würde sich um mich kümmern?», fragt er, währen sein Blick über das Chaos vor seinem Fenster schweift. «Ich will nirgendwo anders hin. Aber ich habe kein Wasser und das Essen geht aus», sagt der Alte.

Bei ihrer Rückkehr berichten die Journalisten der Polizei von dem gestrandeten Bauern. Am Samstag rufen die Beamten bei der AP an. Sie haben Shiga gefunden und er habe darum gebeten, in eine Notunterkunft gebracht zu werden, sagten sie. Man erwarte, dass es ihm gut gehen werde.

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