Häftling kurz vor Entlassung von Verwahrtem getötet
Aktualisiert

Häftling kurz vor Entlassung von Verwahrtem getötet

In der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf bei Zürich hat ein 49-jähriger Verwahrter einen 25-jährigen Mithäftling sexuell genötigt und umgebracht. Das Opfer hätte im Februar entlassen werden sollen. Der Gefängnisdirektor ist erschüttert.

Der getötete Häftling wurde am Sonntagnachmittag kurz nach 15.00 Uhr tot in einer Zelle gefunden, wie die Zürcher Kantonspolizei und die Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte des Kantons Zürich am Montag bekannt gaben. Im Zuge erster Ermittlungen habe sich ein dringender Tatverdacht gegen den 49-jährigen verwahrten Mitinsassen ergeben. Der Staatsanwaltschaft IV habe er grundsätzlich zugegeben, seinen Mithäftling zunächst sexuell genötigt und danach getötet zu haben. Welcher Art und Schwere die sexuellen Übergriffe waren und wo diese stattfanden, konnte die untersuchende Staatsanwältin Françoise Stadelmann auf Anfrage von 20minuten.ch noch nicht beantworten.

Schon einmal getötet

Wie Strafanstalts-Direktor Ueli Graf gegenüber der SDA sagte, hätte das Opfer seines Wissens im Februar entlassen werden sollen. Täter und Opfer seien in einer Abteilung mit 30 Einzelzellen untergebracht gewesen.

Nach der Entdeckung des Tötungsdeliktes wurden laut Graf die übrigen Häftlinge in ihre Zellen eingeschlossen und befragt. Im Zuge dieser ersten Ermittlungen ergab sich ein dringender Tatverdacht gegen den 49-Jährigen. Er wurde der Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte überstellt, wie es in deren Mitteilung heisst.

Am Wochenende seien die Zellen jeweils zwischen 8.30 und 16.30 Uhr offen, erklärte der Pöschwies-Direktor. Die Häftlinge können zusammen reden, spielen, essen und sich gegenseitig in den Zellen besuchen. Beaufsichtigt werden sie von zwei Mitarbeitern, erklärte Graf.

«Absolut erschütternd»

Natürlich gebe es immer wieder mal Auseinandersetzungen. Was aber hier passiert sei, sei «absolut erschütternd», und zwar für Personal und Mithäftlinge, sagte Graf.

Mit Sicherheit vermeiden liesse sich ein solch tragischer Fall nur, indem man jeden einzelnen Gefangenen separat einsperren würde. Das widerspräche aber allen Grundsätzen des heutigen Strafvollzugs, der auf Gruppenvollzug ausgerichtet sei.

Von den derzeit 436 Inhaftierten in der Pöschwies befinden sich laut Graf deren sechs im Hochsicherheitstrakt. Das heisst: 23 Stunden pro Tag sind sie einzeln eingeschlossen. Eine Stunde täglich dürfen sie spazieren gehen.

Von den übrigen sind 116 in Zweierzellen, alle übrigen in Abteilungen mit Einzelzellen untergebracht. Sie leben zwar hinter Mauern und Gittern, intern aber nach den Prinzipien des Gruppenvollzugs: Sie essen und arbeiten zusammen und sind in der Nacht eingeschlossen.

Für die rund 70 Verwahrten gilt der normale Stravollzug - abgesehen von jenen, für die Hochsicherheit angezeigt ist, ist das der Gruppenvollzug. Aus diesem Grund waren auch der 49-Jährige und der 25-Jährige in der gleichen Abteilung.

Schuldfähigkeit wird geprüft

Der Umstand, dass sich der Täter bereits in der Verwahrung befindet, schützt ihn nicht vor einer neuerlichen Strafverfolgung. «Es wird eine ganz normale Strafuntersuchung geben, wie bei jedem anderen Gewaltdelikt auch. Die Frage nach der Schuldfähigkeit des Täters wird unabhängig von seinem Verwahrtenstatus geprüft», sagte Staatsanwältin Stadelmann gegenüber 20minuten.ch.

Zweiter Pöschwies-Mord innert kurzer Zeit

Letztmals war in der Strafanstalt Pöschwies Mitte November 2006 ein Streit zwischen zwei Mithäftlingen tödlich ausgegangen. Ein 34-jähriger Albaner starb damals an den Folgen von Kopfverletzungen, die er sich rund drei Wochen zuvor im Zuge eines Streits mit einem damals 27-jährigen, ebenfalls aus Albanien stammenden Mithäftling zugezogen hatte. Beide Männer waren wegen Betäubungsmitteldelikten inhaftiert. Gefängnisdirektor Ueli Graf hatte damals von einem tragischen Einzelfall gesprochen.

(thi/AP/sda)

Deine Meinung