Aktualisiert 10.03.2014 11:51

Kalbfleisch statt SchweinHäftlinge wechseln zum Islam – für besseres Essen

Immer wieder wollen Schweizer Häftlinge Moslems werden. Laut Anstaltsleiter Ernst Scheiben oft aus einem simplen Grund: Sie erhoffen sich mehr Kalb- und Rindfleisch auf dem Teller.

von
nj
Von vegan bis koscher: Wer sich im Gefängnis für einen Menuplan entscheidet, kann nicht grundlos wieder wechseln.

Von vegan bis koscher: Wer sich im Gefängnis für einen Menuplan entscheidet, kann nicht grundlos wieder wechseln.

Beim Haftantritt in einem Schweizer Gefängnis gibt es viele Fragen zu klären. Unter anderem, wie der Insasse während seiner Zeit in Gefangenschaft ernährt werden soll. Die meisten Anstalten bieten hier eine breite Palette an: vom Diabetiker-Menü über vegetarische Mahlzeiten bis hin zum islamkonformen Speiseplan. Nicht alle Häftlinge sind aber mit ihrer Wahl längerfristig zufrieden. «Wir haben immer wieder Christen, die sagen, sie wollten zum Islam konvertieren, weil Moslems Kalb- statt Schweinefleisch erhielten und ihnen das auch besser schmecke», sagt Ernst Scheiben, Leiter des Kantonalgefängnisses Frauenfeld im Interview mit der «Ostschweiz am Sonntag».

Unter den Konvertiten seien auch Schweizer, sagt Scheiben gegenüber 20 Minuten. Allzu einfach mache man es aber keinem, den Menüplan während des Vollzugs zu wechseln. «Das sehen wir ohne triftigen Grund nicht so gerne.» Man schaue deshalb zweimal hin, ob ein Insasse tatsächlich in Zukunft nach dem Islam leben möchte oder dies nur als Grund vorschiebt, weil er meint, Moslems würden beim Essen bevorzugt. «Generell ist ein Wechsel natürlich aber möglich, wir müssen halt einfach das Kreuzchen in seinem Dossier an einem anderen Ort machen. Es kann sich also auch jemand während der Haft entscheiden, Vegetarier zu werden.»

Wie sich die Speisepläne der Christen und Moslems im Detail unterscheiden, weiss Scheiben nicht. Die Mahlzeiten werden nicht intern, sondern im Kantonsspital Frauenfeld zubereitet und dann geliefert. «Sicher ist, dass Muslime kein Schweinefleisch bekommen.»

«Bedürfnis zu konvertieren in jedem Fall ernst nehmen»

Ueli Graf, Ex-Direktor der Zürcher Anstalt Pöschwies, kennt solche Spielchen. Dass Gefangene durch das Vorspiegeln teils falscher Tatsachen Verbesserungen erreichen wollen, sei in Anstalten Alltag. «Eine Freiheitsstrafe bedeutet schliesslich eine Mangelsituation. Vieles, was man draussen gerne mochte, ist plötzlich nicht mehr verfügbar.» Diese Lücken versuchten die Insassen zu stopfen oder immerhin zu kompensieren. «Dass jemand in der Hoffnung auf besseres Essen vorgibt, neu Muslim zu sein, finde ich nicht dramatisch.» Nicht vorstellen kann sich Graf hingegen, dass ein Häftling tatsächlich einen anderen Glauben annimmt, nur um mehr Rind auf den Teller zu kriegen.

Für den Imam und Gefängnis-Seelsorger in der Anstalt Thorberg BE, Mustafa Memeti, steht dennoch fest: «Man muss das Bedürfnis zu konvertieren in jedem Fall ernst nehmen. Das Recht auf Selbstbestimmung ist sehr wichtig.» Auch er erlebe in seiner Tätigkeit immer wieder Häftlinge, die ihre Religion in die eine oder andere Richtung wechseln möchten. Eine spezielle Zeremonie oder einen Kurs müsse man als Neu-Moslem nicht absolvieren. «Der Glaube wohnt im Herzen. Man kann sich also einfach innerlich für den Islam entscheiden.»

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