Suizid während Strafvollzug: Häftlingen soll Sterbezelle gewährt werden
Aktualisiert

Suizid während StrafvollzugHäftlingen soll Sterbezelle gewährt werden

Gefängnisanstallten sollten Suizidhilfe zulassen, findet ein Strafvollzugsexperte – und lanciert eine politische Debatte. Für einen Basler Bischof «eine bedenkliche Entwicklung».

von
kat
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Soll es künftig eine Sterbezelle für Häftlinge geben? Blick in eine Arrest-Zelle, aufgenommen bei einem Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt Sennhof. (Symbolbild)

Soll es künftig eine Sterbezelle für Häftlinge geben? Blick in eine Arrest-Zelle, aufgenommen bei einem Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt Sennhof. (Symbolbild)

Keystone/Gian Ehrenzeller
Mit dieser Frage beschäftigt sich Benjamin Brägger, Sekretär des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweiz und Chefredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Kriminologie. (Archivbild)

Mit dieser Frage beschäftigt sich Benjamin Brägger, Sekretär des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweiz und Chefredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Kriminologie. (Archivbild)

Keystone/Lukas Lehmann
In jedem der drei Strafvollzugskonkordate der Schweiz sollte je eine Anstalt ein Sterbezimmer einrichten, so Brägger.

In jedem der drei Strafvollzugskonkordate der Schweiz sollte je eine Anstalt ein Sterbezimmer einrichten, so Brägger.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Justizvollzugsanstalten müssen Suizidhilfe zulassen, findet Strafvollzugsexperte Benjamin Brägger. Als Chefredaktor der Schweizerischen Zeitschrift für Kriminologie analysiert er in einem Fachbeitrag rechtliche Rahmenbedingungen für das Ableben hinter Gittern.

«In jedem der drei Strafvollzugskonkordate der Schweiz sollte je eine Anstalt ein Sterbezimmer einrichten», sagt der Sekretär des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweiz auf Anfrage der «Aargauer Zeitung». Die Sterbebegleitung müsse professionalisiert werden. Dafür sei eine politische Diskussion nötig.

Dafür und dagegen

Der Vorschlag findet bei Peter Schaber, Ethikprofessor der Universität Zürich Gehör. Erfülle ein Insasse die Bedingungen für Suizidhilfe, sollten aus humanitärer Sicht die gleichen Regeln gelten wie ausserhalb des Gefängnisses, erklärt er gegenüber der Zeitung. Allerdings soll der assistierte Suizid einem gesunden Gefangenen nicht ermöglichen, sich seiner Strafe zu entziehen. Vielmehr müsste ein solcher Schritt einem unheilbar Kranken ein qualvolles Leiden ersparen.

Für den Basler Bischof Felix Gmür entwickelt sich der Diskurs um Suizidhilfe jedoch in eine falsche Richtung. Vordergründig ginge es um das Selbstbestimmungsrecht, lässt Gmür über einen Sprecher ausrichten. Doch im Hintergrund stelle sich die Frage, welche Lebensformen von der Gesellschaft als Lebenswert betrachtet würden.

Die Debatte greife immer mehr auf vermeintlich «unproduktives» Leben über – das von Langzeitpatienten, Betagten und nun auch Verwahrten. «Eine bedenkliche Entwicklung», so Gmürs Sprecher zur Aargauer Zeitung.

Erstes Sterbegesuch

Ins Rollen gebracht hat die Diskussion unter anderem der inhaftierte pädophile Serien-Vergewaltiger Peter Vogt. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen hatte er erstmals seinen Sterbewunsch geäussert. Das Lebe habe keinen Sinn mehr.

Das Gesuch des Häftlings stellt die Behörden vor ein Dilemma, da keine rechtlichen Grundlagen bestehen. Darum hat Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren ein Grundlagenpapier in Auftrag gegeben. Dieses soll 2019 vorliegen.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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