Aktualisiert 06.11.2015 11:38

Rechtsmediziner warnt

«Hälfte der Tötungsdelikte bleibt unentdeckt»

Auch in der Schweiz werden Tötungsdelikte laut Roland Hausmann, Chefarzt am Institut für Rechtsmedizin in St. Gallen, oft nicht als solche erkannt. Er fordert eine Gesetzesänderung.

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taw

«Bis zu 2400 Tötungsdelikte werden in Deutschland nicht als solche erkannt – die Zahl der aufgedeckten Fälle ist etwa gleich hoch. Für die Schweiz gibt es zwar keine wissenschaftliche Untersuchung, aber die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher», sagt Roland Hausmann, Chefarzt am Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital in St. Gallen. Den Grund dafür sieht Hausmann in der Qualität der ärztlichen Leichenschau, wie er im Interview mit den «St. Galler Nachrichten» sagt.

Oft passieren Fehler

Nach schweizerischem Recht müssen Todesfälle innerhalb von zwei Tagen dem zuständigen Zivilstandsamt gemeldet werden. Als «Beweis» für den Tod gilt eine Zivilstandsurkunde, die auf einer ärztlichen Todesbescheinigung basiert. Diese stellt der Arzt nach einer Leichenschau aus. «Die Leichenschau ist enorm wichtig. Der Arzt entscheidet letztlich darüber, ob ein straf-, zivil- oder versicherungsrechtlich relevanter Sachverhalt durch weiterführende Untersuchungen aufgeklärt werden kann oder nicht», so Hausmann. Nur bei einem aussergewöhnlichen Todesfall werden die Strafverfolgungsbehörden verständigt.

Diese veranlassen dann eine Legalinspektion. Je nachdem wie diese ausfällt, wird eine Obduktion angeordnet. Wie Hausmann weiss, werden bei Leichenschauen oft Fehler begangen. So gibt es sogar tödliche Schuss- oder Stichverletzungen, die bei der ersten Leichenschau übersehen wurden. Der Tod wurde folglich als natürlich deklariert. Erst durch zufällig durchgeführte rechtsmedizinische Untersuchungen wurden sie dann entdeckt.

Als Beispiel führen die «St. Galler Nachrichten» den Fall eines 46-jährigen Schulabwartes an, der leblos in seiner Wohnung aufgefunden wurde und bei dem der Arzt keine äussere Gewalteinwirkung feststellte. Nach weiteren Abklärungen am Leichenfundort wurden im Abfalleimer schliesslich Teile einer Giftpflanze sichergestellt. Das Gift konnte dann auch im Blut des Verstorbenen nachgewiesen werden. Auch bei einem Fall im Spital im österreichischen Lainz musste der Zufall helfen: Vier Frauen hatten mehreren Patienten Wasser in den Rachen eingeflösst und sie so ertränkt. Auch diese Todesfälle wurden zunächst als natürlich beurteilt.

Gesetz soll angepasst werden

Auch bei der rechtlichen Grundlage sieht Hausmann Handlungsbedarf. Im Artikel 253 (Box) der eidgenössischen Strafprozessordnung (StPO) heisst es: «Bestehen nach der Legalinspektion keine Hinweise auf eine Straftat und steht die Identität fest, so gibt die Staatsanwaltschaft die Leiche zur Bestattung frei.» Für Hausmann unbefriedigend: «Kein Brandermittler wird Hinweise auf eine Brandstiftung ausschliessen, ohne dass er das ausgebrannte Haus betreten und die Quelle des Brandes ausgemacht hat.»

Er fordert deshalb eine Anpassung des Gesetzesartikels. So sollen nicht bloss bei einem Deliktverdacht, sondern auch bei einem möglichen Unfall oder Suizid gründliche Untersuchungen und allenfalls eine Obduktion durchgeführt werden. «In allen Fällen eine Obduktion durchzuführen ist nicht möglich, bei unklaren Fällen aber nötig», so Hausmann. Eine Einwilligung der Angehörigen für eine Obduktion, die von der Staatsanwaltschaft angeordnet wurde, ist nicht nötig.

Derzeit führt die St. Galler Rechtsmedizin jährlich rund 250 Obduktionen durch. «Ohne zusätzliche Investitionen wäre es möglich, diese Zahl deutlich zu erhöhen», so Hausmann. Nur so könne man die Anzahl unentdeckter Tötungsdelikte reduzieren.

Artikel 253 Aussergewöhnliche Todesfälle

1 Bestehen bei einem Todesfall Anzeichen für einen unnatürlichen Tod, insbesondere für eine Straftat, oder ist die Identität des Leichnams unbekannt, so ordnet die Staatsanwaltschaft zur Klärung der Todesart oder zur Identifizierung des Leichnams eine Legalinspektion durch eine sachverständige Ärztin oder einen sachverständigen Arzt an.

2 Bestehen nach der Legalinspektion keine Hinweise auf eine Straftat und steht die Identität fest, so gibt die Staatsanwaltschaft die Leiche zur Bestattung frei.

3 Andernfalls ordnet die Staatsanwaltschaft die Sicherstellung der Leiche und weitere Untersuchungen durch eine rechtsmedizinische Institution, nötigenfalls die Obduktion an. Sie kann die Leiche oder Teile davon zurückbehalten, solange der Zweck der Untersuchung es erfordert.

4 Die Kantone bestimmen, welche Medizinalpersonen verpflichtet sind, aussergewöhnliche Todesfälle den Strafbehörden zu melden.

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