Hinweis auf Lebensmitteln: Händler wollen mit «reich an Protein» punkten

Aktualisiert

Hinweis auf LebensmittelnHändler wollen mit «reich an Protein» punkten

Detailhändler beschriften Produkte wie Quark oder Hüttenkäse mit einem Extra-Hinweis auf den Proteingehalt. Ernährungsberater raten zum Masshalten beim Eiweiss-Konsum.

von
V. Blank
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Von Milch über Quark bis hin zum Vegi-Fleischersatz: Auf Migros- und Coop-Produkten steht immer öfter der Hinweis «reich an Protein».

Von Milch über Quark bis hin zum Vegi-Fleischersatz: Auf Migros- und Coop-Produkten steht immer öfter der Hinweis «reich an Protein».

Oskar Moyano / Custom Images
Die Vegi-Produkte von Migros ziert das ovale Protein-Label – im Bild rot – erst seit Kurzem.

Die Vegi-Produkte von Migros ziert das ovale Protein-Label – im Bild rot – erst seit Kurzem.

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Beim Hirz-Hüttenkäse, der bei Coop erhältlich ist, steht auf der Seite der Verpackung: «Gut zu wissen - reich an qualitativem Eiweiss».

Beim Hirz-Hüttenkäse, der bei Coop erhältlich ist, steht auf der Seite der Verpackung: «Gut zu wissen - reich an qualitativem Eiweiss».

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Auf dem M-Classic-Magerquark steht prominent auf dem Deckel: «reich an Protein». Auf einer Qualité&Prix-Magermilch von Coop springt dem Kunden der Schriftzug «High Protein Milk» ins Auge. Auch auf vielen Hüttenkäse-Produkten und Joghurts, die bei den beiden Schweizer Detailhändlern im Kühlregal stehen, darf der Hinweis auf den extrahohen Eiweissgehalt nicht mehr fehlen.

Die Protein-Label-Flut betrifft nicht nur Milchprodukte: Seit neustem bestückt die Migros auch die Vegi-Produkte von Cornatur mit dem ovalen Protein-Hinweis. Coop tut dies bei seinen Fleischersatzprodukten von Délicorn schon länger.

Protein als Verkaufsargument

Der Blick auf die vielen Hinweise zeigt: Ein hoher Proteingehalt wird offenbar zur Verkaufsförderung genutzt – und das bei ganz alltäglichen Esswaren. Migros-Sprecher Luzi Weber verweist auf Anfrage von 20 Minuten auf die wachsende Nachfrage seitens der Konsumenten. «High Protein ist schon seit einigen Jahren ein Trend bei Lebensmitteln.»

Auch bei Coop spricht man von einer Zunahme des Bedarfs an besonders eiweissreichen Esswaren. «Spätestens seit Paleo und dem Fitnesstrend steht eine eiweissbetonte Ernährung bei vielen Kunden hoch im Kurs», sagt Sprecherin Andrea Bergmann. Bei den Coop-Eigenmarken seien es aktuell 30 Produkte, bei denen der hohe Proteingehalt speziell ausgewiesen werde.

Warnung vor Proteinwahn

Die Zürcher Ernährungsberaterin Béatrice Chiari sieht positive, aber auch negative Seiten an den Protein-Labels: «Hochwertige Proteine sind wichtig für eine gesunde Ernährung», sagt sie. Andererseits mahnt sie die Detailhändler zur Vorsicht: «Problematisch wird es dann, wenn die vielen Hinweise auf Esswaren einen Proteinwahn auslösen.» Das würde eine einseitige Ernährung fördern.

Viele Schweizer wissen nicht, dass man auch zu viel Protein zu sich nehmen kann. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung sieht die Obergrenze bei täglich 2 Gramm Protein pro Kilo Körpergewicht. Vor allem bei Eiweiss aus tierischen Quellen – also etwa aus Milchprodukten oder Fleisch – drohen bei Überkonsum eine Übersäuerung des Körpers oder im schlimmsten Fall sogar Nierenprobleme, so Chiari: «In einer idealen Welt würden die Händler darum auf den Lebensmitteln auf die Tageshöchstmenge an Protein – ich empfehle rund 60 Gramm – hinweisen.» Zudem wichtig für einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt sei, auch pflanzliche Proteine zu konsumieren.

Viele Kohlenhydrate in Fruchtjoghurts

Die Hersteller legen ihren Fokus derweil eher auf Produkte für die schnelle Verpflegung. Nestlé verkauft unter der Marke Hirz eine neue Joghurtsorte mit rund 14 Gramm Protein pro Becher. Emmi hat seit kurzem einen Energy-Milchdrink mit 26 Gramm Protein im Angebot, der auf die Zielgruppe der Jugendlichen abzielt.

Diese Convenience-Produkte enthalten aber nicht nur Proteine, sondern auch viele Kohlenhydrate, meist in Form von Zucker. Ein Becher des Ohyo-Joghurtsnacks von Hirz (150 Gramm, Geschmacksrichtung Vanille) enthält rund 15,5 Gramm Kohlenhydrate, das Pendant von Emmi (YoQua Himbeere, Becher à 150g) 19,5 Gramm Zucker.

Das Hirz-Joghurt enthält also gut fünf, das Emmi-Joghurt sechseinhalb Würfelzucker, rechnet Ernährungsberaterin Chiari vor. Das sei sehr viel, so ihr Fazit: «Ein Zuckeranteil von mehr als 10 Prozent, etwa in einem Proteindrink, gilt als hoch.» Sie rate generell von Lebensmitteln mit zugesetztem Zucker und Zusatzstoffen ab. «Die meisten der vermeintlich gesunden Protein-Produkte sind so stark verarbeitet, dass sie für mich gar keine Lebensmittel mehr sind, sondern designte Produkte.»

«Zucker stammt aus Milch und Früchten»

Auf den hohen Zuckergehalt der Protein-Fruchtjoghurts und -drinks angesprochen, sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker: «Der Zucker wird nur teilweise – meist in der Form von Kristallzucker – zugegeben.» Der Rest stamme natürlicherweise aus der Milch und von den zugegeben Früchten.

Natürlich sei es grundsätzlich möglich, den Zuckergehalt durch die Beigabe von künstlichen Süssstoffen noch weiter zu reduzieren. «Jedoch verzichten wir bei den meisten unserer Produkte bewusst auf diese Massnahme, weil Natürlichkeit und Genuss im Zentrum stehen sollen», so Umiker.

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