Tragödie am Zürichberg - «Leider gelang es nicht, diesen fahrenden Zug aufzuhalten»
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Tragödie am Zürichberg«Leider gelang es nicht, diesen fahrenden Zug aufzuhalten»

Mitte Mai beging der Arzt R.S.* vor der Ausweisung aus seiner Villa am Zürichberg Suizid. Erstmals nimmt der zuständige Chef des Betreibungsamtes Stellung zum Vorgehen seiner Behörde.

von
Joel Probst
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Grosseinsatz in Zürich am 17. Mai: Der Arzt R.S. verschanzte sich in seiner Villa.

Grosseinsatz in Zürich am 17. Mai: Der Arzt R.S. verschanzte sich in seiner Villa.

Privat
Daraufhin wurden die Sondereinheit Skorpion und die Verhandlungseinheit der Stadtpolizei aufgeboten.

Daraufhin wurden die Sondereinheit Skorpion und die Verhandlungseinheit der Stadtpolizei aufgeboten.

BRK
Vor dem Gebäude platzierte er einen gefällten Baum, um den Beamten den Zutritt zu verhindern. 

Vor dem Gebäude platzierte er einen gefällten Baum, um den Beamten den Zutritt zu verhindern.

Privat

Darum gehts

  • Am 17. Mai sollte der 65-jährige R.S.* aus seiner Villa am Zürichberg ausgewiesen werden.

  • Der Arzt verbarrikadierte in der Folge den Zugang zum Haus mit einem Baumstamm, legte einen Brand und beging Suizid.

  • Der zuständige Stadtammann und Chef des Betreibungsamtes nimmt erstmals Stellung zum Vorgehen seiner Behörde.

Die Tragödie am Zürichberg machte landesweit Schlagzeilen: Am 17. Mai wollten ein Grossaufgebot der Feuerwehr und eine Spezialeinheit der Stadtpolizei Zürich den 65-jährige R.S.* aus seiner Villa am Zürichberg ausweisen. Doch der Arzt mit Praxis in seinem Wohnhaus verbarrikadierte den Zugang zum Haus mit einem Baumstamm, legte einen Brand und beging schliesslich auf dem Balkon Suizid.

Für Bekannte des 65-Jährigen war es eine Eskalation mit Ansage. Sie kritisierten die Betreibungsbehörde: «Man hätte seinen Tod verhindern können – das war Mord», sagte ein Bekannter damals zu 20 Minuten. Er selber sei vor Ort gewesen und habe die Behörden «mehrfach auf das Risiko einer Eskalation aufmerksam gemacht». Auch R.S. verschickte zwei Stunden vor seinem Tod eine Mail, in der er vor einer Eskalation warnte und um einen Monat mehr Zeit bat.

«War schon zu spät, um Tragödie abzuwenden»

Gegenüber der «NZZ» nimmt der für den Kreis 7 zuständige Stadtammann und Chef des Betreibungsamtes, Christian Müller, erstmals ausführlich Stellung zum Vorgehen seiner Behörde. Die Geschehnisse vom 17. Mai bekam er selber aus nächster Nähe mit: «Ich war dort, weil wir uns bewusst geworden waren, dass es schwierig werden könnte», sagt Müller. Er habe seinen Vollzugsbeamten vor Ort Rückendeckung geben wollen.

Im Vorfeld habe es entsprechende Hinweise gegeben. «Allerdings trafen die konkreten Indizien erst ganz kurzfristig bei uns ein» – laut Müller etwa eine halbe Stunde bevor die Ausweisung vollstreckt werden sollte. «Da war es schon zu spät, um die Tragödie abzuwenden.» Spezialisten der Stadtpolizei hätten versucht, mit dem Hausbewohner in Kontakt zu kommen. Doch: «Leider gelang es nicht, diesen fahrenden Zug noch aufzuhalten», so der Stadtammann.

«Haben uns gefragt, was wir hätten anders machen können»

Schuld an der Tragödie sieht Müller keine bei sich: «In meinen Augen haben wir alle nötigen Vorsichtsmassnahmen getroffen.» Namentlich seien die Stadtpolizei und wegen des Baumstamms vor der Türe auch die Feuerwehr aufgeboten worden. Zudem: «Der betroffene Arzt wurde im konkreten Fall frühzeitig informiert», so der Stadtammann. Eine Fristerstreckung wäre bei einer Ausweisung kaum möglich, da die Grundlage ein Gerichtsbeschluss sei.

Trotzdem trifft der Vorfall Müller: «Dass R.S. keinen anderen Ausweg als den Suizid sah, tut mir sehr leid.» Er habe das Geschehene nachträglich mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingehend besprochen: «Wir haben uns immer wieder gefragt, was wir hätten anders machen können, haben jedoch keine konkreten Anhaltspunkte gefunden.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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