«Impf-Gate»: «Lonza hätte den Impfstoff direkt an die Schweiz verkaufen können»
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«Impf-Gate»«Lonza hätte den Impfstoff direkt an die Schweiz verkaufen können»

Gottlieb Keller, ehemaliger Chefjurist von Roche, analysiert das Impfdebakel zwischen Bundesrat Alain Berset und der Lonza. Dabei stellt sich Keller ganz klar hinter das Pharmaunternehmen.

von
Karin Leuthold
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Mit diesem Schreiben nahm Lonza Kontakt mit dem Bundesrat auf.  

Mit diesem Schreiben nahm Lonza Kontakt mit dem Bundesrat auf.

Im Brief geht es um Investitionen in eine Impfstoffproduktion.

Im Brief geht es um Investitionen in eine Impfstoffproduktion.

Auch das knappe Protokoll des Treffens vom 1. Mai zwischen Lonza und Bund veröffentlichte das Innendepartement.

Auch das knappe Protokoll des Treffens vom 1. Mai zwischen Lonza und Bund veröffentlichte das Innendepartement.

Darum gehts

  • Pharmakenner Gottfried Keller glaubt, dass der Bund eine grosse Chance verpasst hat, dank Lonza schneller zu Impfstoff zu kommen.

  • Lonza hätte der Schweiz die rasche Impfstoffbelieferung garantieren können, meint Keller.

  • Auch wenn die Investition von 100 Millionen Franken als grosses Risiko erschien, hätte der Bund sie machen müssen, wie sie vor Jahren auch die Swissair rettete.

Gottlieb Keller, ehemaliger Chefjurist von Roche, spricht über das Angebot, das Lonza-Präsident Albert Baehny im vergangenen Jahr dem Bundesrat machte. Dabei hatte Lonza unter anderem die Möglichkeit einer eigenen Produktionslinie in Visp VS für 100 Millionen Moderna-Dosen ins Spiel gebracht. Laut Lonza-Präsident Baehny liess aber das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Gespräche versanden.

Pharmakenner Gottfried Keller vergleicht in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» den Lonza-Fall mit der Rettung der Swissair. Was der Bund damals für eine Schweizer Firma getan hatte, hätte er jetzt mit der Pharmaindustrie machen müssen, meint Keller. «Die Unterstützung der Impfstoffproduktion kann ebenso als Infrastrukturmassnahme gelten. Der Bund hätte sich da meiner Meinung nach ruhig beteiligen sollen.»

Alle Probleme wären lösbar gewesen, glaubt Keller

Lonza hätte der Schweiz die rasche Impfstoffbelieferung garantieren können, ist sich Keller sicher. Die Lieferung der Vakzine hätte sich nach seinen Angaben «vertraglich einfach regeln lassen». Dabei wäre wohl ein Dreiecksvertrag zustande gekommen: Bund-Lonza, Lonza-Moderna.

Die Rechtfertigung Bersets, die Schweiz hätte bei einem Deal mit Lonza nicht profitiert, weil der Impfstoff zu 100 Prozent in den Händen des Pharmaunternehmens geblieben wäre, widerspricht Keller. «Lonza hätte den Impfstoff in Absprache mit Moderna – sogar zu einem vorab vertraglich festgesetzten Preis – direkt an die Schweiz verkaufen können. Moderna ist zwar die Patentinhaberin, aber als Produzentin hätte Lonza dennoch vertraglich mit ihr vereinbaren können, dass sie eine bestimmte Zahl an Dosen verkaufen kann.»

Auch für Bersets Argument, Lonza würde nur den Wirkstoff und nicht den fertigen Impfstoff herstellen, hat Keller wenig Verständnis. «Für die Endfertigung hätten Lonza oder der Bund dann weitere Firmen finden müssen. Ein lösbares Problem», sagt er zum Tagi.

Das Angebot von Lonza-Chef Baehny bezeichnet der Roche-Jurist als valabel. Nicht nur er: «Alle, die ich in der Pharmabranche kenne, ziehen den Hut vor dem Lonza-Präsidenten und seinem damaligen Angebot an die Schweiz.» Wäre Baehny auf ihn zugekommen, «hätte ich eine mögliche Finanzierung der Produktionskapazität als realistisch beurteilt und dafür mit ihm vertraglich vereinbaren können, dass er vorrangig eine bestimmte Zahl an Impfdosen an die Roche-Mitarbeitenden liefert.»

Für die falsche Beurteilung des Falles durch den Bund glaubt Keller, dass «der Schweiz das Risiko zu hoch erschien, denn es war damals ja nicht klar, ob der Impfstoffkandidat Erfolg haben würde.» Wäre es jetzt aber noch möglich, bei Lonza in das Impfstoffgeschäft einzusteigen? «Ich glaube nicht», sagt Gottfried Keller zum Schluss. «Vergangenes Frühjahr war noch nicht klar, dass der Moderna-Impfstoff sicher und wirksam ist. Damals suchte Moderna noch Produktionskapazitäten und hätte sich auf einen solchen Dreiecksvertrag mit dem Bund und Lonza eingelassen. Schon kurze Zeit später dürfte das nicht mehr der Fall gewesen sein, und man konnte nur noch Bestellungen treffen, ohne bevorzugte Liefergarantie.»

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung

144 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Toni. S.

31.03.2021, 16:06

Verfolge hier gerade die Pressekonferenz vom Bund und dieses Lonza Theater betrifft, da Lügt irgendwer, Berset habe versicht die Lonza Geschätsleitung zu konntaktieren es hätte nicht geklappt, selten so eln Schrott gehört, da will sich jeder der Verantwortung entziehen, solche Leute gehören sofort entlassen. Treten sie noch vor Ostern zurück. ps vieleicht würde ein Abriss aller Beizen in der Schweiz was bringen aber anhant der Fallzahlen kann es wohl nicht an den Restaurants liegen.

Skrik

31.03.2021, 12:50

Überrascht mich bei den zwei Damen an der Spitze des BAG nicht im geringsten. Keine Power, keine Proaktivität sondern bloss leeres Geschwätz! Besondere Situationen erfordern auch besondere Lösungen! Diese sucht man beim BAG vergebens!

Feuz 56

31.03.2021, 12:20

Quatisch, wie lautete die Offerte? Wann wird wieviel geliefert für eine Prduktionsstrasse? Nirgends eine Garantie für eine Lieferung!