Aktualisiert 29.05.2014 11:46

Unfall auf der A1Hätten Beton-Leitplanken das Chaos verhindert?

Ein Lastwagen-Unfall auf der A1 löste ein stundenlanges Verkehrschaos aus. Nun wird der Ruf nach Beton-Leitplanken auf Autobahnen laut. Ist er berechtigt?

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num

Rund 40 Tonnen, so schätzte der Solothurner Polizeisprecher, habe der Lastwagen mit seiner Ladung gewogen, der am Dienstag die Leitplanke auf der A1 bei Luterbach wegfegte, als wäre sie aus Papier. Die Folgen des verheerenden Unfalls sind bekannt: 12 Verletzte, kilometerlange Staus, Verkehrschaos bis in den Abend.

Die Leitplanken an der Unfallstelle waren aus verzinktem Stahl. Elastisch, um einen seitlichen Aufprall abzufedern und das Fahrzeug zurück auf die Fahrbahn zu leiten. Doch gegen 40 Tonnen Masse waren auch sie machtlos. Zumal der Lastwagen eher frontal als seitlich auf die Leitplanke zuschoss, wie Bilder verdeutlichen.

Der Unfall gibt dem Verein für Fahrzeug-Rückhaltesysteme aus Beton (FRSB) Anlass, die installierten Leitplanken auf Schweizer Autobahnen zu hinterfragen. Der Geschäftsführer, Jan Kottucz, sagt zu 20 Minuten: «Wir kritisieren die Rückhaltestufe, die in der Schweiz gilt – sie ist tiefer als im benachbarten Ausland.» So gelte in der Schweiz eine Stufe von H1, in Deutschland, Österreich und Italien betrage sie H2. Diese Stufe gibt an, wie viel Kraft eine Leitplanke aushalten muss.

«Eine Frage der Zeit bis zum nächsten Unfall»

Für den FRSB sei unverständlich, weshalb in der Schweiz der Sicherheitsstandard tiefer sei – und noch immer auf Stahl statt auf Beton gesetzt werde. Jan Kottucz sagt: «Wenn ein Reisecar oder ein grosser Lastwagen damit kollidiert, besteht die Gefahr eines Durchbruchs nicht.» Es müsse immer erst jemand verletzt werden, bis ein Umdenken stattfinde. «Im Wallis und in der Westschweiz ist das bereits passiert – gerade wurden auf einer Autobahn im Wallis 12 Kilometer mit Beton-Leitplanken ausgestattet.»

So seien beim meistbefahrenen Abschnitt der Schweiz bei Härkingen SO zurzeit dieselben Leitplanken wie in Luterbach installiert. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dort ein ähnlicher Unfall wie am Dienstag geschieht», warnt Kottucz.

Dem Bundesamt für Strassen (Astra) ist die Diskussion um die Beschaffenheit der Leitplanken wohlbekannt. Sprecher Thomas Rohrbach sagt: «Leitplanken können nicht für jeden denkbaren Fall ausgelegt werden.» Stahlsysteme hätten den Vorteil, dass sie beim Aufprall elastischer reagierten. «Sie sind sicherer für PW-Insassen als Betonelemente.»

Statistik spricht für Stahl

Da sich Betonsysteme beim Aufprall weniger verformten, steigere dies das Risiko, dass ein anprallendes Fahrzeug direkt zurück in den Verkehr katapultiert werde und sich überschlage. Rohrbach gibt zu bedenken: «Das Verletzungsrisiko respektive die Schwere der Verletzungen für Fahrzeuginsassen ist dabei wesentlich höher.»

Das Astra argumentiert, dass das tatsächliche Unfallgeschehen der beste Gradmesser für das vorherrschende Sicherheitsniveau sei – und die Statistik weise einen markanten Rückgang bei den schweren Personenunfällen auf.

Bei der Entscheidung, welche Leitplanken eingesetzt werden, wägt das Astra die Wahrscheinlichkeit von Unfällen und die potenziellen Unfallfolgen beim Anprall auf die Leitplanken ab. Und kommt zum Schluss: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unfall wie am Dienstag passiert, ist gering. Sprecher Rohrbach sagt: «Der Anteil schwerer Güterfahrzeuge auf der A1 beträgt etwas mehr als 6 Prozent.» Für alle anderen Verkehrsteilnehmer würde sich durch weniger elastische Leitplanken das Verletzungsrisiko erhöhen.

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