Opferberatung reagiert: «Häusliche Gewalt hat dramatisch zugenommen»
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Opferberatung reagiert«Häusliche Gewalt hat dramatisch zugenommen»

In Zürich erleben Kinder und Jugendliche seit der Corona-Pandemie vermehrt häusliche Gewalt. Die Opferberatung Zürich will den Betroffenen mit einem neuen Angebot helfen.

von
Monira Djurdjevic
Lynn Sachs
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Häusliche Gewalt hat laut der Opferberatung Zürich seit Corona stark zugenommen. (Symbolbild)

Häusliche Gewalt hat laut der Opferberatung Zürich seit Corona stark zugenommen. (Symbolbild)

Getty Images / EyeEm
«Während des ersten Lockdown gingen die Meldungen häuslicher Gewalt zunächst zurück», sagt Stiftungspräsident Christoph Erdös. Doch kurz vor Lockdown-Ende änderte sich das. «Die häusliche Gewalt hat seitdem dramatisch zugenommen.»

«Während des ersten Lockdown gingen die Meldungen häuslicher Gewalt zunächst zurück», sagt Stiftungspräsident Christoph Erdös. Doch kurz vor Lockdown-Ende änderte sich das. «Die häusliche Gewalt hat seitdem dramatisch zugenommen.»

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Betroffen sind laut Erdös in grosser Anzahl Kinder und Jugendliche. «Um den Zugang zur kostenlosen Beratung und Unterstützung zu vereinfachen, haben wir die Chatberatung lanciert.» (Symbolbild)

Betroffen sind laut Erdös in grosser Anzahl Kinder und Jugendliche. «Um den Zugang zur kostenlosen Beratung und Unterstützung zu vereinfachen, haben wir die Chatberatung lanciert.» (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Die Fälle häuslicher Gewalt steigen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie stark an.

  • Laut der Opferberatung Zürich sind vor allem Kinder und Jugendliche betroffen.

Die Opferberatung Zürich lanciert neu eine Chat- und Onlineberatung. Der Grund: Die Fälle von häuslicher Gewalt sind laut der Opferberatung stark angestiegen. «Während des ersten Lockdown gingen die Meldungen häuslicher Gewalt zunächst zurück», sagt Stiftungspräsident Christoph Erdös. Doch kurz vor Lockdown-Ende änderte sich das. «Die häusliche Gewalt hat seitdem dramatisch zugenommen. Seit Juni haben wir knapp 30 Prozent mehr Betroffene, die sich bei uns melden.»

Betroffen sind laut Erdös in grosser Anzahl Kinder und Jugendliche. «Um den Zugang zur kostenlosen Beratung und Unterstützung zu vereinfachen, haben wir die Chatberatung lanciert.» Dieses neue Angebot könne jederzeit und anonym in Anspruch genommen werden. «Gerade Kinder und Jugendliche in Notsituationen können über die digitale Kommunikation besser abgeholt werden», sagt Erdös.

Für sie sei es besonders wichtig, zu wissen, dass sie nicht allein sind, wenn sie Opfer von Gewalt geworden sind. Zudem stehen bald die Festtage vor der Tür: «An Weihnachten nehmen die Fälle häuslicher Gewalt erfahrungsgemäss zu», so Erdös.

Opferberatung Zürich

Die Stiftung Opferhilfe Zürich wurde vor zwanzig Jahren gegründet. «Als kantonal anerkannte Fachstelle Opferberatung Zürich haben wir seither über 40‘000 Menschen beraten», sagt Erdös. Das Ziel: Opfern von Gewalt schnelle und kompetente Hilfe zu bieten und sie in ihrem unverschuldeten Leid nicht allein zu lassen. Die Opferberatung Zürich berät nebst Kindern und Jugendlichen auch alle anderen Personen, welche Opfer einer Straftat geworden sind. Dazu gehören Straftaten aller Art, welche die Verletzung der persönlichen, sexuellen oder psychischen Integrität zur Folge haben. Auf der Website der Opferberatung finden die Betroffenen alle Informationen.

Laut Lucas Maissen, Institutionsleiter im Schlupfhuus Zürich, hatte auch das Schlupfhuus während des Lockdown einen Rückgang bei den Meldungen festgestellt. Doch seit Lockdown-Ende verzeichnet das Schlupfhuus ebenfalls erhöhte Meldezahlen. Der Grund: «Während des Lockdown waren alle zu Hause. Da hatten viele Kinder und Jugendliche Angst, dass die Eltern mitbekommen könnten, dass sie sich an uns wenden.»

Ein weiterer Grund: «Jugendliche bleiben lange in einem gewaltsamen Familiensystem. Wenn sie Hilfe suchen, dann zum Beispiel bei der Schulsozialarbeit. Doch während des Lockdown waren diese Stellen weniger verfügbar.»

Laut Maissen berichteten die Jugendlichen davon, dass der erhöhte Stress während Corona die bereits bestehenden familiären Probleme verschärften. «Die Langzeitfolgen der Pandemie werden sich erst noch zeigen. Gut möglich, dass damit auch die Zahlen häuslicher Gewalt steigen», so Maissen.

«Verringert die Hemmschwelle»

Auch die Beratungsstelle für Frauen BIF hatte im Lockdown weniger Anrufe. «Die Frauen hatten oftmals keine Möglichkeit, sich zu melden, da ihr Partner stets vor Ort war», sagt Co-Geschäftsleiterin Pia Allemann. Seit dem Lockdown-Ende verzeichnet die BIF im Vergleich zum Vorjahr eine Zunahme von 30 Prozent.

Ob die Fälle häuslicher Gewalt zugenommen haben oder ob sich einfach mehr Leute bei Beratungsstellen melden, sei schwierig zu sagen, meint Allemann. «Betroffene haben seit 2018 die Möglichkeit, sich bei uns auf einer sicheren Onlineplattform anonym zu melden. Das verringert die Hemmschwelle.»

Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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