Kanton St. GallenHäusliche Gewalt hat während Corona nicht zugenommen
Häusliche Gewalt hat im Kanton St. Gallen trotz Corona-Krise und Lockdown nicht zugenommen. Das zeigen Erfahrungen von Polizei und Opferhilfe. Eine Expertin erklärt die Hintergründe.
- von
Darum gehts
- Während der Corona-Krise hat man auch in der Schweiz damit gerechnet, dass die Fälle von häuslicher Gewalt steigen.
- Im Kanton St. Gallen gab es keine wesentlichen Veränderungen gegenüber den Vorjahreszahlen.
- Laut einer Expertin liegt das auch daran, dass es keine komplette Ausgangssperre gab.
In den letzten Wochen haben die Polizei und Operhilfestellen aufgrund des Lockdown präventiv vor der potenziell steigenden häuslichen Gewalt gewarnt. Doch während der Corona-Krise gab es im Kanton St. Gallen keine wesentlichen Veränderungen der Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr, wie die Staatskanzlei St. Gallen am Mittwoch in einer Medienmitteilung schrieb. «Warum das so ist, ist schwierig zu beantworten», sagt Miriam Reber, Leiterin Koordinationsstelle Häusliche Gewalt im Kanton St. Gallen. Doch was für den Kanton St. Gallen gelte, sei auch schweizweit so. Auch hier gab es keine merkliche Zunahme der Fälle.
Reber nennt drei mögliche Erklärungen. Die erste ist, dass in der Schweiz keine komplette Ausgangssperre verhängt wurde. «Die Frauen hatten so noch die Möglichkeiten, auszuweichen und mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen oder sich mit einer Freundin zu treffen», so Reber. Die zweite Vermutung sei, dass gewaltausübende Personen nun oft zu Hause waren und dadurch mehr Kontrolle über die Geschehnisse im Haushalt hatten. «Betroffene hatten so vielleicht keine Gelegenheit, Hilfe zu rufen», meint Reber. Eine dritte mögliche Erklärung sei, dass viele Frauen dachten, Frauenhäuser seien geschlossen.
Jahresstatistik häusliche Gewalt
Im Jahr 2019 musste die Polizei 1044-mal zu Familien ausrücken. 511 dieser Einsätze erfolgten aufgrund eskalierender Konflikte, die verbal mit Beleidigungen, Anschreien und leichter psychischer Gewalt begonnen hatten. In 128 Fällen waren gegenseitige Tätlichkeiten Grund, die Polizei zu involvieren, und bei 405 Interventionen musste die Polizei gegen die Gewalttat eines Familienmitglieds vorgehen. Von diesen 405 Fällen handelte es sich 129-mal um Gewalt gegenüber getrennten oder geschiedenen Partnerinnen oder Partnern, 40 Fälle betrafen Stalking.
Die Zahlen liegen weitgehend auf dem gleichen Niveau wie in den Vorjahren.
Ab dem 1. Juli steht den Behörden ein erweitertes Instrumentarium zur Bekämpfung der Gewalt zur Verfügung: Zusätzlich zur Wegweisung können neu auch Annäherungs-, Kontakt- und Rayonverbote ausgesprochen werden.
Diese vom Kantonsrat im Februar beschlossenen Massnahmen können künftig auch gegen Stalker angewendet werden. Parallel dazu sind im Bundesrecht ebenfalls ab 1. Juli 2020 zusätzliche Regelungen zum besseren Schutz von häuslicher Gewalt und Stalking vorgesehen.
Steigende Zahlen in anderen Ländern
«Wir sind von einer Häufung der Fälle von häuslichen Gewalt ausgegangen, da diese Entwicklung in anderen Ländern zu beobachten war», sagt Reber. Man habe immer wieder Artikel bezüglich zunehmender häuslicher Gewalt aus Ländern wie China und Italien gelesen und sich vorbereiten wollen. «Es gibt viele Familien, bei denen latent Gewalt vorhanden ist. Diese kann aufgrund des Coronavirus bei Gegebenheiten wie einem geringeren Einkommen und momentaner Arbeitslosigkeit ausbrechen», so die Expertin. Auch wenn die offiziellen Zahlen nicht gestiegen seien, bestehe dennoch eine unbekannte Dunkelziffer.
«Das Frauenhaus spricht spezifisch gewaltbetroffene Frauen an. Doch die Opferhilfe ist für Frauen, Männer sowie auch für Kinder da», so Reber. Die Statistiken zeigen, dass mehrheitlich Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Doch für Reber ist es auch wichtig, Männer anzusprechen. «Viele Männer schämen sich, wenn sie von der Frau Gewalt erfahren. Dies entspricht nicht ihrem Männerbild», meint sie. Doch es sei wichtig, dass auch sie nicht schweigen.


