Aktualisiert 02.08.2012 10:41

WassercaféHahnenwasser für 5 Dollar pro Liter

In New York verkaufen gewiefte Puristen achtfach gefiltertes, auf Wunsch angereichertes Hahnenwasser. Das Hohngelächter erstirbt, wenn man das feine Nass kostet.

von
Martin Suter
New York

New York City ist stolz auf sein - für amerikanische Verhältnisse - sauberes Trinkwasser. Ein harter Kern von Hahnenwasserfans widersteht trotzig dem Trend, dem Körper nur noch in Flaschen gekauftes Wasser zuzumuten. Um so giftiger war der Hohn, der sich bei der Eröffnung über das «Molecule Project» ergoss, New Yorks erstes Wassercafé im East Village. Geld für Hahnenwasser verlangen - was für eine Bieridee, war der Tenor auf lokalen Blogs.

Doch der Kleinbetrieb an der 10. Strasse zwischen 1. Avenue und Avenue A entpuppt sich beim Besuch als ziemlich überzeugendes Start-up-Unternehmen. Der Mini-Laden, auf dessen Verkaufstheke zwei MacBooks und ein iPad die Kasse spielen, wird dominiert von einer deckenhohen Filteranlage und einem 1000-Liter-Wassertank. «Molecule» zapft normales Hahnenwasser ab und leitet es durch einen achtfachen Filtrierungsprozess. «Wir arbeiten unter anderem mit Aktivkohle, mit umgekehrter Osmose und ultraviolettem Licht», sagt Adam Ruhf, einer der zwei Gründer des Wassercafés.

Vom Tank führen Leitungen an der linken Ladenwand zu zwei Hahnen, wo das vollständig gesäuberte Wasser in Flaschen oder andere Behältnisse abgefüllt wird. Die Ausgussstutzen schützt ein kegelförmiger Kragen, worin dem Wasser ein Schuss Ozon beigefügt wird. «Wir wollen verhindern, dass eine Berührung mit dem Flaschenhals das Wasser kontaminiert», erklärt Ruhf.

«Geht wie Samt runter»

Dann gibt der Wasserdoktor das supersaubere Nass zum Kosten. Gekühlt schmeckt es tatsächlich reiner und weicher als alles, was aus New Yorks bald hundert Jahre alten Leitungen strömt. Auch die meisten Fläschliwasser hängt «Molecule» auf der Zunge ab. Viele Kunden hätten das Besondere an diesem Wasser sofort erkannt und kämen immer wieder, sagt Ruhf.

Eine der begeisterten Abnehmerinnen ist Frida Canty. Die in Manhattan wohnende Frau hat in den zwei Wochen, seit das «Molecule Project» aufging, schon über 40 Liter Wasser gekauft. «Das Wasser ist soooo weich und geht wie Samt runter», sagt sie. «Es ist wirklich anders.»

Billig ist die Reinheit nicht gerade. In eine fast apothekenmässig aussehende Glasflasche abgefüllt, kostet ein halber Liter 2.50 Dollar. Kunden können aber auch ihre eigenen Gefässe mitbringen. Dann kostet ein «Refill» beim «Molecule Project» von einem Dollar für ein Trinkglas über drei Dollar für eine Gallone (3,8 Liter) bis zu fünf Dollar für fünf Gallonen (19 Liter). Andere Wasserlieferanten verlangten ähnlich viel, behauptet Ruhf.

Mineralwasser in Plastikflaschen nicht nachhaltig

Der Preis brachte Steve Cuozzo, den Restaurantkritiker der «New York Post», auf die Palme. «Wer wird sein Geld im Molecule verschwenden?», fragt er rhetorisch in seinem ätzenden Verriss. Die Antwort: «Jene, die zur heiligen Kirche der kulinarischen Korrektheit gehören.»

In der Tat sieht der Gründer des Wassercafés das «Molecule Project» als eine mögliche Lösung für ein grosses, ja globales Problem. Der 32-jährige Ruhf, nach eigenen Angaben ein Musiker, Schriftsteller, Künstler und politischer Aktivist, kritisiert das umweltschädliche Treiben der grossen Wasserkonzerne. Die Unternehmen nähmen unreguliertes Wasser, sagt er, füllten es in PCB-haltige Flaschen ab und verschifften es über die halbe Welt.

«Die Flaschen bleiben in Regalen stehen, die sich, kaum ist ihr Inhalt konsumiert, zu Bergen von Plastikmüll anhäufen.» Diesem unökologischen Modell wollen Ruhf und sein Partner Alex Venet etwas Nachhaltiges entgegenstellen. «Wir filtern das Wasser vor Ort und verkaufen es im Quartier. Grössere Mengen liefern wir auf umweltfreundliche Weise mit dem Fahrrad aus.»

Zusatzmischungen für Health & Beauty

Wem Reinheit nicht genügt, der kann das Wasser des «Molecule Project» mit Essenzen anreichern. Ruhf erklärt sich besonders stolz auf eine Batterie von zehn Glasröhren an der rechten Wand des Ladens. Sie enthalten wässrige Lösungen von Spurenelementen, Vitaminen und Extrakten, die das Wasser zum Zusatzpreis von einem Dollar gesundheitlich «stärken». Für zwei Dollar bietet das Café Zusatzmischungen für Haare, Haut und Nägel, zur Stärkung der Immunabwehr und für mehr Energie. Das «Molecule-Energy»-Konzentrat enthält neben dem Koffein einer Viertel Tasse Kaffee Extrakte aus Ashwagandha, Rhodiola, Guarana, Yerba Mate und grüner Kaffeebohne. «Der Mix gibt Energie auf eine sanfte, lang anhaltende Weise, ganz anders als ‹Red Bull›, verspricht Ruhf.

Das riesige Echo in den Lokalmedien hat dem «Molecule Project» zu einem fliegenden Start verholfen. Ruhf und sein Partner haben Expansionspläne. Mit der Anlage in der 10. Strasse können sie täglich fast 4000 Liter Wasser filtern. Das sei genug, um auch Restaurants, Büros und Institutionen zu beliefern, sagt der Jungunternehmer. Vom Potenzial seiner Idee ist er überzeugt: «Wir füllen eine Lücke.»

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