Jubiläum: Halb Europa feiert Calvins 500. Geburtstag
Aktualisiert

JubiläumHalb Europa feiert Calvins 500. Geburtstag

Der 500. Geburtstag des Genfer Reformators Jean Calvin wird derzeit in halb Europa gefeiert. Ein Schwerpunkt der Feiern liegt in Genf, dem «protestantischen Rom» und Calvins wichtigster Wirkungsstätte.

von
Ernst E. Abegg und Stephan Köhnlein (AP)

Aber auch in Deutschland und anderswo sind zahlreiche Veranstaltungen geplant. Und der als strikt und streng bekannte Reformator hätte daran laut einem Calvin-Kenner wohl durchaus seine Freude gehabt.

Das Calvin-Jubeljahr calvin09 war bereits im vergangenen November vom Reformierten Weltbund, dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und der Eglise protestante de Genève vor der Mauer der Reformatoren in Genf eröffnet worden. Am Pfingstsonntag gab es einen ersten Höhepunkt mit einem europaweit aus der Genfer Kathedrale St-Pierre in viele Staaten übertragenen Festgottesdienst. Am 10. Juli ist ebenfalls dort im Beisein der Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey ein Gedenkgottesdienst angesagt. Zum Jubiläum wurde eigens eine eigene Hymne komponiert: «People of the Lord».

Auch in Deutschland wird das Calvin-Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen zum Gedenken an den Reformator begangen - angefangen mit Streitgesprächen, einer grossen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin bis hin zu einem Calvin-Kongress Anfang September in Siegen. Der Geburtstag selbst wird am 10. Juli mit einer Feier in der Französischen Kirche (Hugenottenkirche) am Gendarmenmarkt in Berlin gewürdigt, bei der Aussenminister Frank-Walter Steinmeier den Hauptvortrag über die europäische Dimension von Calvins Wirken halten soll. Ausserdem soll dort die Calvin-Briefmarke vorgestellt werden.

Neben Deutschland und der Schweiz fanden oder finden auch in Frankreich, Schottland, den Niederlanden, Luxemburg, Österreich, aber auch in Kanada und weiteren Ländern Geburtstagsfeiern aller Art statt.

«Calvin und Hobbes» ist nicht nur ein Comic

In Genf geht vor der Mauer der Reformatoren beispielsweise noch bis zum 26. Juli - ausser montags jeweils um 21.00 Uhr - das Freiluft-Theaterspektakel «Calvin - Genf in Flammen» über die Bühne. Zudem wird ein «Hugenotten-Dorf» aufgebaut, in dem es nebst einer Imbissecke Stände mit Kunsthandwerkern und Souvenirs gibt und Kinder mit einem Ponywagen herumfahren oder uralte Spiele spielen können. In Genf wie anderswo gibt es Kolloquien und Studienreisen, Kurse, Ausstellungen, Vorträge, Betrachtungen.

Den Reigen der Feiern und Veranstaltungen beschliesst am 14. Dezember in Paris ein Kolloquium des Institut Protestant de Théologie (IPT) und des Collège International de Philosophie mit dem Titel «Calvin und Hobbes». Dabei geht es nicht um den gleichnamigen Comic, sondern um eine Auseinandersetzung mit Calvin auf der einen und dem britischen Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes auf der anderen Seite.

Was hätte der ernste Reformator wohl dazu gesagt?

Die Festfreude zu Calvins 500. Geburtstag wurde da und dort als wenig calvinistisch aufgenommen. In der «Neuen Zürcher Zeitung» hiess es etwa, «der ernste Reformator würde sich möglicherweise grün und blau ärgern, wenn er sähe, was seine Genfer derzeit mit ihm anstellen».

Das sieht der Calvin-Kenner Serge Fornerod vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) differenzierter. Wohl habe Calvin «strikt und konsequent gelebt, was er glaubte, und wollte auch leben lassen, was man zu glauben hat», sagte Fornerod auf Anfrage in Bern. Ein Asket sei Calvin aber kaum gewesen. Calvin habe nichts gegen das Geniessen einzuwenden gehabt - sofern es «mit Mass» geschehen sei, betonte Fornerod, der Leiter der SEK-Abteilung Kirchenbeziehungen.

In dieser Hinsicht habe der Reformator eher den altgriechischen Stoikern geglichen, die immer «das Mass behalten» und nie übertreiben gewollt hätten. Das Klischee des Asketen Calvin gehe wohl auf sein Äusseres zurück, das aber durch zahlreiche Krankheiten geprägt gewesen sei, vermutet Fornerod, der auch als nationaler Projektleiter der Schweizer Calvin-Feiern fungiert.

Deine Meinung