SCL Tigers: Halbfinals durch das «Hemingway-Syndrom»?
Aktualisiert

SCL TigersHalbfinals durch das «Hemingway-Syndrom»?

Langnaus Manager Ruedi Zesiger sieht sich durch die ersten NLA-Playoffs der Geschichte mit einem ganz besonderen Problem konfrontiert: dem «Hemingway-Syndrom».

von
Klaus Zaugg
Jubeln die SCL Tigers auch in den Playoffs?

Jubeln die SCL Tigers auch in den Playoffs?

Niemand hat vor der Saison in Langnau mit den Playoffs gerechnet. Jetzt sind sie trotzdem da - und es gibt Probleme, die niemand erwartet hat. Zur Illustration: Wir kennen die wunderbare Geschichte «Der alte Mann und das Meer» von Ernest Hemingway. Nach monatelanger erfolgloser Fahrt fängt der alte Fischer Santiago unerwartet einen riesigen Schwertfisch - und muss schliesslich bei der Fahrt heim in den Hafen nach tapferem Kampf hinnehmen, dass die Haie seinen ans Boot gebundenen Fang fressen.

Nach jahrelanger erfolgloser Fahrt im Meer der Qualifikation haben auch die Langnauer einen riesigen Fisch gefangen: die Playoffs. Aber nun kämpfen sie darum, dass dieser Erfolg nicht von den «Prämien-Haien» gefressen wird: Die Playoffprämien betragen rund zehn Prozent des Lohnbudgets von etwas mehr als 4,5 Millionen Franken. Das bedeutet, dass die Playoffs wohl 450 000 Franken Mehrkosten verursachen. Weil gegen 3300 Saisontickets auch für die Playoffs gültig sind, können pro Playoffheimspiel nur etwa 3000 Tickets verkauft werden. Der Ertrag pro Playoffheimpartie liegt deshalb unter 100 000 Franken. Die Playoffprämien könnten nur mit mehr als vier Heimspielen (also mit den Halbfinals) hereingeholt werden (20 Minuten Online berichtete).

Die Prämien-Haie drohen - Sonderaktionen geplant

Damit kämpft Langnaus tüchtiger Manager Ruedi Zesiger mit dem gleichen Problem wie Hemingways alter Mann: Er hat mit den Playoffs einen riesigen Fang gemacht. Aber die Prämien-Haie drohen ihn aufzufressen. Zesiger plant gegen dieses «Hemingway-Syndrom» Sonderaktionen, um die Playoff-Prämien aufzubringen. «Wir sind zuversichtlich, dass uns das gelingt», sagt er gegenüber 20 Minuten Online. Das Glück sei, dass die Playoffs so früh feststehen. «So bleiben uns bereits vor den Playoffs noch ein paar Heimspiele, um diese Aktionen durchzuführen.» Die «geplayofften» Langnauer spielen in der Quali zu Hause noch gegen Davos (29.1.), Zug (5.2.) und die ZSC Lions (19.2.). Zesiger: «Die restlichen Spiele der Qualifikation sind eine ganz neue Erfahrung für die Spieler und unsere Fans. Wir können ohne Druck spielen und den Erfolg geniessen.» Zum ersten Mal müsse er nicht mehr als Bittsteller auftreten. «Wir machen keine Bettelaktionen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir im Erfolg Werbemöglichkeiten anbieten können. Diese Ausgangslage hatten wir seit dem Aufstieg so noch nie.» Die SCL Tigers treten also erstmals als strahlende Playoff-Braut und nicht als bettelndes Playout-Hutzli auf dem Werbejahrmarkt auf.

Zesiger sagt, die positiven Reaktionen auf die Playoffs seien überwältigend und er arbeite nun daran, diese positive Stimmung längerfristig für die Verlängerung oder den Ausbau von Sponsorenverträgen nützen zu können. Damit die Playoffs schliesslich trotz geschätzten 450 000 Franken Prämien doch noch ein Geschäft werden.

Auch sportlich ein Erfolg?

Werden die Playoffs auch sportlich ein Erfolg oder fliegen die Tiger sang- und klanglos in vier Spielen raus? Trainer John Fust hat sich darüber bereits Gedanken gemacht. Die Langnauer haben mit den Playoffs ihr erstes Saisonziel erreicht und ihrem Trainer die schwierigste Aufgabe überhaupt beschert: das Nachladen. Nachladen ist schon nach einem Titelgewinn schwierig genug. Obwohl dafür die ganze Sommerpause zur Verfügung steht. Nachladen während der Saison gilt als (fast) unmöglich: Die ZSC Lions waren beispielsweise nach dem Triumph in der Champions Hockey League am 28. Januar 2009 die Nummer 1 Europas. Aber bereits im Februar und März scheiterten sie in der ersten Runde mit vier Niederlagen in Serie gegen Fribourg kläglich.

Droht den SCL Tigers ein ähnliches Playoff-Schicksal? Fust sagt gegenüber 20 Minuten Online, er sei froh, dass er nach der frühzeitig feststehenden Playoff-Qualifikation etwas Zeit habe, die Spieler auf das neue grosse Ziel einzustellen. «Viele Einzelgespräche sind dafür notwendig.» Er spricht nicht vom Meistertitel. Aber er sagt: «Wir haben in der Qualifikation schon mehr als 15 Spiele gewonnen - also ist es ein realistisches Ziel, in den Playoffs vier Spiele zu gewinnen.» Dann wären die Tiger im Halbfinale.

Fust ist zuversichtlich. Weil die meisten Spieler bereits durch die Playouts gegangen und dadurch «schlachterprobt» seien. «Ich habe als Spieler Playoffs und Playouts bestritten. Der Druck in den Playouts ist ganz anders und schlimmer. Dagegen sind Playoffs ein Vergnügen.» Wie stark seine Spieler sein werden, wenn es «nur» ums Vergnügen geht - das ist die grosse Frage, auf die uns erst die Playoffs eine Antwort geben werden.

Oder sagt uns Hemingways Novelle vom alten Mann und dem Meer, wie es den Langnauern in den Playoffs ergehen wird? Nun, aus der Geschichte könnten die Emmentaler schon ein wenig Hoffnung schöpfen: Der alte Santiago tötet nämlich im Kampf um seinen grossen Fang vier Haie, ehe er doch kapitulieren muss. Das kann durchaus so verstanden werden, dass die Tiger vier Viertelfinalspiele gewinnen (indem sie vier Berner Bären oder vier Zuger Stiere zur Strecke bringen), ehe sie im Halbfinale untergehen. Und nach seinem Abenteuer schläft Santiago tief und fest und als er aufwacht, beschliesst er, wieder zu fischen. Was bedeuten kann, dass die Langnauer sich im Sommer von ihrem Ausscheiden im Halbfinale erholen und wieder erfolgreich auf Playoffjagd gehen.

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