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Sexuelle Belästigung?Halb nackter Lehrer verschickt Zungenselfie an Schüler

An einer Luzerner Sekundarschule soll es wiederholt zu Grenzüberschreitungen durch einen Lehrer gekommen sein. Er verliess die Schule. Zurück bleiben besorgte Eltern und verunsicherte Schülerinnen.

von
Anja Zingg
Zora Schaad
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Dieses Selfie verschickte F. G.* an seine Snapchat-Freunde. Darunter waren auch Schüler von ihm.

Dieses Selfie verschickte F. G.* an seine Snapchat-Freunde. Darunter waren auch Schüler von ihm.

Privat
Dieses Video stellte F. G.* in den Klassenchat auf Whatsapp. Zu hören ist dabei ein Weihnachtslied, dass aus den Unterhosen ertönt.

Dieses Video stellte F. G.* in den Klassenchat auf Whatsapp. Zu hören ist dabei ein Weihnachtslied, dass aus den Unterhosen ertönt.

Screenshot privat
Die Eltern wurden nach dem Corona-Lockdown mit diesem Brief informiert, dass F. G.* nicht mehr weiter an der Schule unterrichtet.

Die Eltern wurden nach dem Corona-Lockdown mit diesem Brief informiert, dass F. G.* nicht mehr weiter an der Schule unterrichtet.

Privat

Darum gehts

  • Lehrer F. G.* sendete Schülern ein laszives Selfie, stellte ein Unterhosen-Video in den Klassenchat und liess einer Schülerin einen emotionalen Brief zukommen.
  • Nach den Vorfällen verliess F. G. im Mai die Luzerner Schule «im gegenseitigen Einvernehmen».
  • Der Lehrer nimmt zu den Vorwürfen Stellung.
  • Die Polizei prüft, ob ein mögliches fehlbares Verhalten vorliegt.

Nackter Oberkörper, die Zunge lasziv im halb geöffneten Mund, der Bund der Unterhose sichtbar: Das Badezimmer-Selfie, das F. G.* auf Snapchat an seine Freunde sendet, zeigt viel nackte Haut. Das Problem: F. G. ist Sekundarlehrer, zu diesem Zeitpunkt angestellt an einer Luzerner Oberstufenschule. Das Bild schickt er auch an seine Schüler.

Es ist nicht das einzige Mal, dass F. G. seinen Schülerinnen und Schülern zu nahe tritt. Seit Mai unterrichtet F. G. nicht mehr an der Schule.

Auslöser war ein Brief

Den Fall ins Rollen gebracht hatte ein Brief vom letzten Jahr, wie Recherchen von 20 Minuten zeigen. Adressiert war er an eine 13-jährige Schülerin. F. G. schreibt darin: «Du weisst genau, dass ich dich gern habe. Es tut mir weh, wenn du das missbrauchst.» F. G. schliesst mit den Worten, dass es ihn traurig mache, dass es nicht mehr so sei wie damals, «wo wir zusammen viel zu lachen gehabt haben, ich habe dich trotzdem gern. Lg F.» Wie 20 Minuten aus dem Umfeld der Schülerin weiss, ist die ganze Situation für die Familie sehr traumatisierend.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich kurz vor Weihnachten. Der Lehrer sendete ein Video einer Unterhose in den Klassenchat auf Whatsapp. Im Schritt der Boxershorts prangt ein Weihnachtsmann abgebildet, der Rand mit dem Schriftzug «make a wish» versehen. Aus der Unterhose klingt ein Weihnachtslied. Dazu schreibt F. G.: «Ihr müsst es mit Ton hören. Ja, ich zieh die morgen an. Und nein, ich zeige sie euch morgen nicht.»

Das Snapchat-Foto, der Brief und das Video liegen 20 Minuten vor.

«Das ist sexuelle Belästigung!»

Für Thomas Minder, Präsident des Schulleiterverbands, ist klar: «Mich würde es befremden, wenn der Lehrer meiner Kinder so ein Video senden würde.» Mit seinen Schülern kommuniziere man immer in der Rolle als Lehrer, egal auf welcher Plattform. Als Lehrer müsse man sich immer bewusst sein, welches Bild man nach aussen transportiere, auch in den sozialen Netzwerken. «Die besagten Fälle zeugen meines Erachtens von einer Nähe, die nicht angebracht ist.»

Deutliche Worte findet Regula Bernhard Hug, Geschäftsleiterin von Kinderschutz Schweiz: «Schülerinnen und Schüler sind von ihren Lehrkräften abhängig, sie werden jedes Semester von ihnen benotet. Dieser Lehrer hat das Abhängigkeitsverhältnis in mehreren Fällen missbraucht und Grenzen gegenüber ihm anvertrauten Kindern eindeutig überschritten. Aus einer Kinderschutz-Perspektive ist das sexuelle Belästigung!» Bernhard Hug kritisiert, dass das Strafgesetz noch immer unterscheidet zwischen Online- und Offline-Vorfällen und Belästigungen im Internet weniger streng ahnde als physische Belästigungen. «Dieser Lehrer gehört auf die schwarze Liste. Das Risiko, dass er bei einer neuen Schule anheuert und dort genau gleich weitermacht, ist hoch.»

Er unterrichtete lange weiter

Die beschriebenen Vorfälle fanden alle vergangenes Jahr statt. Seit diesem Frühjahr sei der Schulleitung ein Teil der Vorfälle bekannt gewesen, erzählen betroffene Eltern. Sie sind schockiert über die Vorfälle und wütend, weil so lange nichts passiert sei. Erst als die Schüler nach der Wiederöffnung der Corona-bedingt geschlossenen Schulen am 8. Mai wieder zum Unterricht erscheinen mussten, erhielten die Eltern einen Brief mit der Info, dass F. G. nicht mehr in der Schule arbeite: «Das bedeutet für Ihr Kind und für Sie, dass Sie ab sofort keinen Kontakt haben werden mit Herrn G

«Ich sehe ein, dass die Versendung daneben war»

F. G. dementiert die Fälle nicht. Das Bild auf Snapchat habe er aufgenommen, um seinen neuen Haarschnitt zu präsentieren. «Ich habe das Bild an alle meine Snapchat-Freunde gesendet, nicht explizit an eine Person», so der Pädagoge und Familienvater.

Zum Unterhosen-Video erklärt er: «Wir haben in der Klasse abgemacht, am folgenden Tag alle ein Weihnachts-Outfit zu tragen. Ich war im Manor einkaufen. Dort habe ich auch das Video von den klingenden Unterhosen aufgenommen, die ich meiner Klasse zeigen wollte. Ein deplatzierter Scherz.»

Dass sein Verhalten Eltern, Schüler und Lehrerkollegen vor den Kopf gestossen hat, versteht der Lehrer unterdessen: «Der Brief vermittelt zu viel Nähe, das sehe ich aus der zeitlichen Distanz auch so. Das Snapchat-Selfie und das Unterhosen-Video waren spontane und unbedachte Aktionen, wie sie auf den sozialen Medien vorkommen, aber ich sehe ein, dass deren Versendung an Schüler daneben war.» Auf die Frage, weshalb er in seiner Freizeit auf Social Media Kontakt zu Schülern pflegte, meint er: «Es sind die Medien, über die Schülerinnen und Schüler heute vorwiegend kommunizieren, und ich hatte den Eindruck, dass sie dies auch mit mir gerne machten.» Er sehe ein, dass das nahe Schüler-Lehrer-Verhältnis problematisch war.

Polizei prüft Hinweise

Dass F. G. die Schule aufgrund der besagten Vorfälle verlassen musste, möchte die Rektorin der Schule mit Verweis auf ihr Amtsgeheimnis weder bestätigen noch dementieren. «Das Arbeitsverhältnis mit G. war bis zu den Sommerferien befristet. Im gegenseitigen Einvernehmen haben wir entschieden, dass Herr G. die Schule nun bereits früher verlässt.»

Sie betont, dass die Schule seriös und gemäss ihrem Wissen und ihren Kompetenzen gehandelt und alle nötigen Gespräche geführt habe.

Die Luzerner Staatsanwaltschaft bestätigt, dass Hinweise auf ein mögliches fehlbares Verhalten einer ehemaligen Lehrperson eingegangen seien. «Die Polizei prüft aktuell diesen Vorwurf und wird dann mit der Staatsanwaltschaft entscheiden, ob zu diesem Fall eine Strafuntersuchung eingeleitet wird oder nicht. Das ist im Moment aber noch offen», sagt Simon Kopp, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Luzern.

*Name von der Redaktion geändert

«Schwarze Liste»

Das Generalsekretariat der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) führt eine anonymisierte Liste von Lehrpersonen, denen die Berufsausübungsbewilligung entzogen wurde. Die Bewilligung kann aufgrund von strafrechtlichen Tatbeständen oder Sucht- und anderen Krankheiten entzogen werden. Der Grund für den Entzug wird der EDK nicht gemeldet.

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