Aktualisiert 23.06.2017 09:52

«Ich muss hier weg»Hamburger flüchten aus Angst vor G20-Krawallen

Dem G20-Gipfel blicken die Hamburger mit Skepsis entgegen: Viele Familien verlassen die Stadt und leiden jetzt schon unter polizeilichen Massnahmen.

von
Mareike Rehberg
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Zum G-20-Gipfel in Hamburg wird am 7. und 8. Juli ein Grossaufgebot von 15'000 Polizisten im Einsatz sein. Schon Wochen vorher (hier am 22. Juni) zeigen die Beamten rund ums Messegelände verstärkt Präsenz.

Zum G-20-Gipfel in Hamburg wird am 7. und 8. Juli ein Grossaufgebot von 15'000 Polizisten im Einsatz sein. Schon Wochen vorher (hier am 22. Juni) zeigen die Beamten rund ums Messegelände verstärkt Präsenz.

Keystone/Axel Heimken
Die Messehallen sind der Hauptveranstaltungsort des Gipfels.

Die Messehallen sind der Hauptveranstaltungsort des Gipfels.

Keystone/Axel Heimken
Das Hamburger Karolinenviertel liegt ganz in der Nähe. Viele Bewohner verlassen wegen des Gipfels die Stadt.

Das Hamburger Karolinenviertel liegt ganz in der Nähe. Viele Bewohner verlassen wegen des Gipfels die Stadt.

Keystone/Axel Heimken

In gut zwei Wochen wird die norddeutsche Metropole Hamburg im Ausnahmezustand sein: Am 7. und 8. Juli findet dort der G20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer statt – und Tausende Menschen aus ganz Europa reisen in die Hansestadt, um gegen das Politiker-Treffen zu demonstrieren. Die Behörden rechnen mit rund 100'000 Demonstranten, darunter 8000 Gewaltbereite, und will 15'000 Beamte aufbieten. Aus der Schweiz reist gar ein Sonderzug mit Demonstranten an.

In Hamburg selbst blicken viele dem Gipfel skeptisch entgegen. Vor allem in Wohnvierteln, die direkt an den Veranstaltungsort auf dem Gelände der Hamburg Messe grenzen, spüren die Menschen schon jetzt die Auswirkungen der Sicherheitsmassnahmen.

Jeder Dritte will flüchten

Sabine* wohnt mit ihrem Sohn in der Marktstrasse im Karolinenviertel – nur einen Steinwurf vom Messegelände entfernt. Sie weiss bereits seit Februar: «Ich muss hier weg.» Die 46-Jährige fährt bereits am Tag vor dem Gipfelbeginn nach Heiligenhafen an die Ostsee und kehrt erst am am Montag nach Ende des G20-Treffens nach Hamburg zurück. Sie hofft, dass sie trotz der Verkehrsbehinderungen gut aus der Stadt herauskommt.

Viele Freunde und Bekannte würden die Stadt ebenfalls verlassen, sagt Sabine. Einer Umfrage des «Hamburger Abendblatts» (Bezahlartikel) zufolge will fast jeder Dritte aus der Stadt flüchten.

Angespannte Stimmung

«Als ich vor sechs Wochen auf dem Weg nach Hause war, kontrollierte mich die Polizei. Hätte ich keinen Ausweis dabeigehabt, hätte man mich nicht passieren lassen», kritisiert Sabine. Einer Freundin sei es kürzlich ähnlich ergangen, nur habe diese keine ID auf sich getragen. Die Beamten hätten sie dann nach Hause eskortiert. Seit Monaten sei die Polizei rund um die Messe verstärkt unterwegs. Spätabends höre man zudem oft Helikopter, die lärmend über der Gegend kreisten.

Die Stimmung sei schon länger angespannt, sagt Sabine. «Die Ladenbesitzer sind verunsichert, sie wissen nicht, ob sie ihre Geschäfte schliessen sollen oder nicht. Viele Familien fühlen sich in ihrem Viertel derzeit nicht mehr wohl.» Sabine will auch ihren Balkon gegen eventuelle Schäden wappnen, denn sie wohnt im zweiten Stock. Ihre Strasse soll ihres Wissens teilweise abgesperrt werden. «Das Meiste wird sich zwar rund ums Schulterblatt im Schanzenviertel abspielen», glaubt die Mutter, aber Angst, dass etwas kaputt gehen könnte, hat sie trotzdem.

Hamburger rechnen mit Verkehrschaos

Mit Einschränkungen müssen aber nicht nur die unmittelbaren Anwohner, sondern auch viele andere Hamburger rechnen. Martin S. arbeitet nicht in der Gegend, will aber am ersten Tag des G20-Gipfels von daheim aus arbeiten. Warum? «Es wird ein Verkehrschaos prognostiziert», sagt der PR-Manager. Sein Arbeitsweg sei zwar nicht direkt betroffen, er befürchtet aber einen Verkehrskollaps, weil auf Ausweichstrecken dann auch nichts mehr gehen werde.

Die Stadt Hamburg rät, zum G20-Gipfel S- und U-Bahnen statt das Auto zu nutzen, doch auch das hält Martin S. für keine gute Idee: «Die öffentlichen Verkehrsmittel sind keine gute Alternative, da Sabotageakte durch G20-Gegner befürchtet werden.» Der deutsche Automobilclub ADAC warnt vor einem völligen Verkehrskollaps in und um Hamburg während der Gipfeltage, vor allem wegen spontaner Absperrungen mehrerer Routen für die Konvois der Gipfelteilnehmer.

Für die Behörden ist die Bewältigung des Gipfels ohnehin eine Herkulesaufgabe. Am Donnerstag – gut zwei Wochen vor Beginn des Treffens – nahm der Führungsstab der Hamburger Polizei für den Grosseinsatz mit 15'000 Beamten seine Arbeit auf. Dem Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer zufolge wird es der grösste Einsatz in der Geschichte der Hamburger Polizei sein. Neben den Beamten werden 3000 Polizeifahrzeuge, 200 Diensthunde, elf Helikopter und 50 Polizeipferde im Einsatz stehen.

Grund für den frühen Einsatzbeginn sind laut Stern.de die verstärkten Aktivitäten von Gipfelgegnern. Bereits am kommenden Samstag ist eine Demonstration gegen eine Gefangenensammelstelle (siehe Bildstrecke) im Stadtteil Harburg geplant. Die Bundespolizei, die an Bahnhöfen und am Flughafen Präsenz zeigt, startet ihren Einsatz am 30. Juni.

Auf Twitter beantworteten Polizeipräsident Meyer und vier Social-Media-Kollegen am Mittwoch zwölf Stunden lang Fragen zum Gipfel unter dem Hashtag #G20HAM17. Auf dieser Seite beantwortet die Stadt Hamburg alle wichtigen Fragen zum G20-Gipfel.

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